28. Nov. 2008 PRESSEMITTEILUNG - die klima-Allianz

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DONG gescheitert - Steinkohlekraftwerk vor dem Aus

Einen Tag nach dem längsten Erörterungsverfahren in der Geschichte
Mecklenburg-Vorpommerns stellen die Umweltverbände WWF, BUND
und NABU und vier Bürgerinitiativen fest, dass das Steinkohlekraftwerk in
Lubmin nicht genehmigungsfähig ist.
Mit hohem ehrenamtlichen Engagement konnten die Einwender DONG
energy und der Genehmigungsbehörde zahlreiche Gründe für die
Ablehnung des Vorhabens liefern.


Trotz des erheblichen Nacharbeitungsbedarfs und neuer Gutachten
stehen einer Genehmigung unüberwindbare Hindernisse entgegen, die
technisch nicht zu beseitigen sind .

So ist mit einem vermehrten Auftreten von Vibrio vulnificus und einer
verstärkten Blaualgenblüte durch die Einleitung des Kühlwassers in den
Greifswalder Bodden zu rechnen. Der Entzug von Sauerstoff aus dem
Kühlwasser wird zu Vergiftungen (Botulismus) der Wasservögel und zu
einem Massensterben von Vögeln führen. Der Betrieb des
Steinkohlekraftwerkes wird den Quecksilbereintrag in den Bodden um 70
Prozent erhöhen. Schon jetzt werden die zulässigen Grenzwerte bei den
Boddenfischen um das Fünffache überschritten.
Noch völlig ungeklärt sind die Auswirkungen der durch den Kohlestaub
verbreiteten radioaktiven Strahlung auf die Gesundheit der Bewohner und
der auf dem Industriegelände Beschäftigten. DONG energy hat bislang
lediglich begutachten lassen, ob die auf dem EWN-Gelände vorhandenen
Messgeräte funktionsfähig sind.

Bei den Lärmberechnungen wurden von DONG energy weder die
Vorbelastung noch die zusätzlichen Emissionen durch die bereits
genehmigten Gaskraftwerke und die geplante Anlande- und
Verdichterstation für die Ostseepipeline berücksichtigt. Auch ohne diese
Schallquellen werden die zulässigen Grenzwerte nachts aber bereits
erreicht. Die Lubminer müssten also während des 5jährigen Baus mit
nächtlichem Lärm rechnen, welcher ständig deutlich über den zulässigen
Werten liegt.
Dies hätte außerdem die Konsequenz, dass nach dem Kraftwerk keine
weiteren Betriebe mehr zulässig wären, weil damit die Lärmkontingente
komplett ausgeschöpft würden.
Weder aus klimapolitischer Sicht noch aus Gründen der Energiesicherheit
ist das Steinkohlekraftwerk notwendig.

Hintergrund: Radioaktivität
- Die Verfasser des DONG-Gutachtens setzen die spezifischen Aktivitäten
im Kohlenstaub mit den spezifischen Aktivitäten der Steinkohle gleich.
Laut SSK 1981 sind „die spezifischen Aktivitäten im Kohlenstaub
•für Radium-226, für Thorium-232 und für Uran-238 etwa 10-mal höher
als in der Kohle
•für Blei-210 etwa 100-mal höher als in Kohle
•für Polonium-210 (Alpha-Strahler) etwa 200-mal höher als die
spezifische Aktivität der Kohle.“
- Für Deutschland mit 85 Mio. Einwohnern:
ca. 10 200 Todesfälle durch Krebs / Jahr durch natürliche
Umweltradioaktivität (Prof. Ewen, Röntgenkongress 2008)
- Besondere Gefährdung von Kindern (Risikofaktor ca. 15-fach über dem
Risikofaktor Erwachsener)
- KiKK-Studie (2007) vom Bundesamt für Strahlenschutz bezüglich Risiko
von Kindern unter 5 Jahren, an bösartiger Krebserkrankung zu erkranken
im 5-km-Umkreis von Atomkraftwerken:
+ 120 % für Leukämie
+ 60 % für andere Tumorarten
- SSK 1981:
Kohlekraftwerke (insbesondere Steinkohlekraftwerke) emittieren mehr
radioaktive Stoffe (7-fache) als Kernkraftwerke bei störungsfreiem Betrieb
und erhöhen damit die Umweltradioaktivität in einem höheren Maße als
Atomkraftwerke. (Quellen: Veröffentlichung der SSk 1981, Prof. Claus
Grupen, Universität Siegen)

Zudem finden sich im Kohlestaub weitere gesundheitlich bedenkliche
Stoffe, die als Cokarzinogene wirken und damit die Sensibilität gegenüber
Radioaktivität noch weiter erhöhen.

Hintergrund: Vibrionen
Bereits 2007 hatte das Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern im
Genehmigungsverfahren zum Steinkohlekraftwerk Lubmin auf die
Gesundheitsgefahren durch Vibrio vulnificus hingewiesen und dies kurz
vor den Erörterungsterminen noch einmal bekräftigt.
Unmittelbar vor den Erörterungsterminen wurde durch das Institut für
Ostseeforschung Warnemünde als Ergänzung seiner Kühlwasserstudie
Abbildungen zur zeitlichen Verteilung der Kühlwasserfahne veröffentlicht.
Demnach kann es bei entsprechenden Windverhältnissen zu einer
Verdriftung der Kühlwasserfahne an den gesamten Lubminer
Strandbereich kommen. Diese Perioden können bis zu 9 Tage betragen.
Die Gefahr, dass die sich im erwärmten Kühlwassers stark vermehrenden
Vibrionen in die Flachwasserbereiche des Seebades getragen werden, ist
durch die Erkenntnisse des IOW erstmals sichtbar gemacht worden.


Hintergrund: Blaualgen
Von erheblicher Relevanz für die Gesundheitsvorsorge ist das Problem
der Blaualgenblüten im Greifswalder Bodden.
Sie können, das ist in den Erörterungsterminen deutlich herausgearbeitet
worden, durch den mit dem Kraftwerksbetrieb verbundenen Nährstoffund
Wärmeeintrag stark gefördert werden.
Erst im Oktober diesen Jahres musste die Gesundheitsbehörde der
Hansestadt Greifswald vor den toxischen Wirkungen angespülter
Blaualgenmatten warnen, die zum Tod eines Hundes geführt hatten.
Der Ökologe und Blaualgenspezialist Prof. Hendrik Schubert aus Rostock
wies während der Erörterung nach, dass das Risiko vermehrter
Algenblüten 120mal höher anzusetzen ist, als die Gutachter von DONG
energy prognostizierten. Gleichzeitig verwies er darauf, dass bereits
geringste Eiseneinträge über das Abwasser des Kohlekraftwerks zu
explosionsartigen Algenblüten führen können.
Blaualgen haben die Eigenschaft, bei windstillen Wetterlagen
„aufzurahmen“, d.h. an der Wasseroberfläche dicke Schichten zu bilden,
die dann durch Windbewegungen und Strömungen bis an die Strände der
Insel Rügen getrieben werden könnten.

Hintergrund: Prioritäre Lebensräume und europäisches Naturschutzrecht /
EU-Stellungnahme
Das Steinkohlekraftwerk Lubmin soll an der Grenze zum FFH-Gebiet
„Greifswalder Bodden, Teile des Strelasund und Nordspitze Usedom“
erreichtet werden. Innerhalb des FFH-Gebietes befinden sich prioritäre
Lebensräume, deren erhebliche Beeinträchtigung nur mit zwingenden
Gründen des überwiegenden öffentlichen Interesses gerechtfertigt
werden kann. Die Erörterung hat ergeben, dass mit eben jener
erheblichen Beeinträchtigung für die „Borstgrasrasen“, die „Graudünen
und den „Freesendorfer See“ durch Stickstoff- und Schwefeleinträge aus
den Emissionen des Kraftwerks zu rechnen ist.
Da die Genehmigungsbehörde letztlich ebenfalls davon ausgeht, dass es
zu einer Beeinträchtigung dieser prioritären Lebensräume kommt, muss
sie sich mit der Bitte um Stellungnahme an die EU-Kommission wenden,
die laut FFH-Richtlinie in diesen Fällen zu beteiligen ist. Die EUKommission
prüft, ob die Voraussetzungen für eine so genannte
„Abweichungsprüfung“ vorliegen, d.h. ob die zwingenden Gründe des
überwiegenden öffentlichen Interesses für den Kraftwerksbau vorliegen.
Diese können nur sein: Das Projekt ist für den Gesundheitsschutz des
Menschen von Bedeutung, das Projekt dient der Abwehr von Gefahren für
die öffentliche Sicherheit oder ist aus anderen ähnlich gewichtigen
Gründen notwendig.
Die bisherige Argumentation von Landeswirtschaftsministeriums und
DONG energy lassen keinen dieser Gründe erkennen.
Hintergrund: Botulismus
Die Antragstellerin DONG energy vollzog bisher grobe
Fehleinschätzungen zum Thema Botulismus, der durch das Bakterium
Clostridium botulinum hervorgerufen werden kann.
Das Toxin des Bakteriums Clostridium botulinum ist eines der
gefährlichsten Gifte und kann insbesondere bei großen Ansammlungen
von Rastvögeln zum Tod tausender Tiere führen. Das Gift wird über
kontaminierte Nahrungsbestandteile aufgenommen.
Durch die Einleitung des erwärmten Kühlwassers werden Bedingungen
gefördert, die zu Sauerstoffarmut in den Sedimenten des Greifswalder
Bodden führen können. Diese Gefahr wurde während Erörterung deutlich
herausgearbeitet. Die DONG-Gutachter konnten diese Gefahren-Szenario
nicht entkräften.
Insbesondere in strengen Wintern, wenn das erwärmte Kühlwasser eine
eisfreie Rinne schafft, könnte es hier erfahrungsgemäß zu
Massenansammlungen von Rastvögeln kommen. Dadurch steigt das
Botulismus-Risiko deutlich.
Die Kadaver der Vögel hätte vermutlich ebenso verheerende Wirkungen
für den Tourismus des Landes, wie die Vogelgrippe vor wenigen Jahren.
Für Rückfragen:

Cathrin Münster, WWF Stralsund, 0162 2914474
Corinna Cwielag, BUND e.V. Mecklenburg Vorpommern, 0178 5654700
Quelle: BUND, WWF, Bürgerinitiativen gegen das SKW Lubmin

Weitere Informationen unter www.kein-kohlekraftwerk.de
Dieser Informationsservice ist eine gemeinsame Aktion der Klima-Allianz,
der Bürgerinitiative Kein Steinkohlekraftwerk in Lubmin e.V., vom BUND
e.V. und vom WWF