Projektgruppe  „Arbeit“ der Bürgerinitiativen gegen das Kohlekraftwerk Lubmin
c/o Bürgerinitiative Greifswald gegen das Steinkohlekraftwerk Lubmin e. V.

Oskar Gulla
Roßmühlenstraße 6
17489 Greifswald             

Offener Brief

 

An die Abgeordneten
der Fraktionen der SPD, der CDU, der Linkspartei  und der FDP
im Landtag Mecklenburg – Vorpommern

Schloss
Lennéstr. 1
19053 Schwerin

                                                                                              11.04.2008
DONG energy - Projekt Kohlekraftwerk in Lubmin - Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsstrukturpolitik

 

Sehr geehrte Frau Abgeordnete, sehr geehrter Herr Abgeordneter,

die Projektgruppe „Arbeit“ der Bürgerinitiativen gegen das Kohlekraftwerk Lubmin wendet sich an Sie, weil wir in sehr großer Sorge über die Auswirkungen des geplanten Großprojektes Steinkohlekraftwerk sind.

Die Landesregierung favorisiert dieses Projekt insbesondere unter dem Aspekt der Schaffung von 140 Dauerarbeitsplätzen im Kraftwerk.

Für Lubmin wird von Gutachtern ein Einbruch in der Tourismusbranche von 10 % prognostiziert. Ähnliche Auswirkungen befürchten Mönchguter Touristiker, nämlich allein für Südrügen einen Verlust von 400 Arbeitsplätzen.

Die vom Investor angestrebte Verdrängung älterer Kraftwerke anderer Energiekonzerne vom deutschen Strommarkt, würde im Energiesektor den Verlust von 400 bis 600 Arbeitsplätzen in Kraftwerken und der Kohleförderung in der Bundesrepublik Deutschland nach sich ziehen, wobei ein Großteil dieser inländischen Wertschöpfung exportiert würde.

Das Kraftwerk nimmt eine Fläche von ca. 40 Hektar ein. Das Gelände ist durch die Energiewerke Nord (EWN) bzw. den Zweckverband voll erschlossen worden und bestens geeignet für verarbeitendes Gewerbe bzw. verarbeitende Industrie. Die bisherigen Anstrengungen der EWN, den Industrie- und Energiestandort Lubmin zu erhalten und auszubauen, haben dazu geführt, dass schon über 1000 neue Arbeitsplätze auf den freigewordenen Flächen des ehemaligen KKW „Bruno Leuschner“ entstanden sind.

 

So arbeiten zum Beispiel im ehemaligen Maschinenhaus die Betriebe Liebherr, RIS, BSR, Metallbau usw. mit ca. 400 Arbeitskräften. Liebherr plant für die beabsichtigte  Erhöhung seiner Produktion die Einstellung weiterer 100 Mitarbeiter. Die von diesen Betrieben in Anspruch genommene Fläche beträgt etwas mehr als 4 ha. ISO Rüstbau belegt mit 90 Arbeitskräften eine Fläche von ca. einem Hektar.

Diese Strukturentwicklung mit mittelständigen Betrieben, die innovativ, kleinteilig, nachhaltig, regionalbezogen, umweltverträglich und zukunftssicher arbeiten und dabei ein Vielfaches an Arbeitsplätzen bereitstellen können, ohne dabei unsere Lebensumwelt zu beschädigen, sollte zielstrebig fortgesetzt werden. Dann könnten auf der vom Kraftwerk blockierten Fläche wesentlich mehr als 140 Menschen Arbeit finden, nämlich voraussichtlich über 2000.

Diese Überlegungen führen zwangsläufig zu dem Schluss, dass der Bau des Steinkohlekraftwerkes in Lubmin nicht zur Schaffung von Arbeitsplätzen führt, sondern im Gegenteil Arbeitsplätze in Tourismus und Energiewirtschaft vernichtet und die Schaffung von Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe stark behindert. Gegenwärtig ist ein Trend zu beobachten, dass vor allem Senioren auch außerhalb der Saison sich auf den Inseln einen Gesundheitsurlaub gönnen. Diese Entwicklung dürfte durch den Bau des Kohlekraftwerks nachhaltig gedämpft werden.

Der Verzicht auf den Bau des Kohlekraftwerkes brächte keinerlei Nachteile für weitere Industrie- und Gewerbeansiedlung, weil bereits das Gaskraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 1200 MW genügend Abwärme für den gesamten Standort und für die Energiebedürfnisse weiterer Industriebetriebe bereitstellen kann.

Eine ähnliche Betrachtung muss für die vierjährige Errichtungsphase angestellt werden. Für den Bau des Kraftwerkes sollen in Spitzenzeiten bis zu 1000 Bauarbeiter beschäftigt werden. Bei diesem Investitionsvolumen ist eine europaweite Ausschreibung der Bau- und Montagearbeiten unumgänglich. Regional tätige Unternehmen haben kaum eine Chance, an solch einen Auftrag zu gelangen, weil die für die Errichtung eines derartigen Baukörpers erforderliche Technik und fehlende Zertifizierungen nicht zur Verfügung stehen. Die Bau- und Montagearbeiten werden voraussichtlich Spezialunternehmen von weither ausführen. Aus Erfahrung muss davon ausgegangen werden, dass auswärtige Unternehmen den Zuschlag bekommen, die nicht an Tariftreuegesetze gebunden sind und deshalb kostengünster bauen können als einheimische Unternehmen. Als Beispiel sei in diesem Zusammenhang an eine Meldung über einen sehr bedauerlichen Arbeitsunfall am 25.10.2007  auf der Baustelle eines Großkraftwerkes in Grevenbroich erinnert. Alle Unfallopfer waren Osteuropäer (Slowaken und Tschechen).

Ein ganz anderes Bild würde sich ergeben, wenn sich wie bisher kleinere Unternehmen der verarbeitenden Industrie ansiedeln könnten. Die dafür benötigten baulichen Einrichtungen können durchaus von hier ansässigen Unternehmen errichtet werden. Der regionale Arbeitsmarkt würde davon profitieren. Wir alle nehmen wahr, dass gerade das verarbeitende Gewerbe sich gegenwärtig im Aufschwung befindet. Außerdem sind seit vielen Jahren die mittelständigen Betriebe die eigentliche „Jobmaschine“ in der Bundesrepublik.

Auch muss eine weitere elementare Betrachtung in die Investitionsentscheidung einbezogen werden.

Während zum Beispiel ISO Rüstbau mit einer Million Euro Investitionssumme 60 Arbeitsplätze geschaffen hat, Liebherr 20 und die Lubminer Korrosionsschutz GmbH 16, wären das im Falle des Kohlekraftwerkes lediglich 0,07 Arbeitsplätze pro Millionen Euro Investition. Es kann mit Fug und Recht gesagt werden, dass es in der gesamten deutschen Geschichte noch nie eine Industrieinvestition gegeben hat, die mit so viel Geld so wenig Arbeitsplätze und inländische Wertschöpfung erbrachte.

Wir gehen davon aus, dass Sie sich über die Auswirkungen des womöglichen Kraftwerksbetriebs auf Mensch und Natur ausreichend informiert haben, u. a. auch durch den Appell der 98 Greifswalder Wissenschaftler und den Brief der 230 Angehörigen von Heilberufen. Diese Dokumente wurden Ihnen übermittelt.

Wir bitten Sie, die genannten Fakten in Ihre Entscheidung einzubeziehen und sich Ihrer vom Wähler übertragenen Verantwortung bewusst zu sein, wenn entsprechende Anträge, wie zum Beispiel der Antrag der Volksinitiative, zur Abstimmung gebracht werden.

 

Freundliche Grüße

Patrick Leithold                       Eberhard Meißner                     Jürgen Kadler

stv. Vorsitzender                      Dipl.-Ing. (FH)                          Personalberater

BI Greifswald