Anlandestation Lubmin: Antrag auf Neugenehmigung nach Bundes-Immissionsschutzgesetz

Anlandestation Lubmin für Ostsee-Pipeline

Antrag auf Neugenehmigung nach Bundes-Immissionsschutzgesetz.
In: Antragsunterlagen zum Planfeststellungsverfahren für die Erdgasfernleitung OPAL

Januar 2008, 22 Aktenordner
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Vom 26. März bis zum 25. April 2008 liegen die oben genannten Unterlagen im Bergamt Stralsund, im Bauamt Lubmin und in anderen Ämtern (z.B. Züssow, Anklam, Pasewalk) zur öffentlichen Einsichtnahme aus. Öffnungszeiten Lubmin: Mo. 7.00-12.00 u. 13.00-16.00, Di. 7.00-12.00 u. 13.00-18.00, Mi. 7.00-12.00 u. 13.00-15.00, Do. 7.00-12.00 u. 13.00-16.00, Fr. 7.00-12.00.
Einwendungen können bis zum 08. Mai 2008 gerichtet werden an Bergamt Stralsund,
Postfach 2245, 18409 Stralsund.
Nach Auskunft des Bergamtes Stralsund vom 28.03.08 ist das Verfahren für die Erdgasleitung NORDAL
(Parallelverlauf zu OPAL, dann weiter über Börnicke/Bernau bei Berlin) bereits abgeschlossen. Der Untersuchungsrahmen für die NEL (Lubmin – Boizenburg – Bremen) steht noch nicht fest. Für die Ostsee-Pipeline (Vyborg – Ostsee – Greifswalder Bodden – Lubmin) werden gegenwärtig nationale und internationale Antragsunterlagen vorbereitet.

Alle vorausschauend denkenden, umweltbewussten und heimatliebenden Bürgerinnen und Bürger sind ebenso wie die Umweltverbände und Bürgerinitiativen aufgerufen (auch wenn Erdgasleitungen und Anlandestationen nicht ausdrücklich in den Statuten stehen), vom Recht auf Einsichtnahme, Einwendung und Protest regen Gebrauch zu machen. Es geht nicht nur um die Zukunft der Lubminer Heide und des Seebades Lubmin, sondern um die gesamte Region, den Greifswalder Bodden, die Ostsee! G. Vater, Greifswald, e-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

Anlandestation Lubmin (Ordner 19, 20, 21, 22)
Kurzdarstellung
Die Anlandestation Lubmin soll das von der russischen Ostsee-Pipeline (NordStream) herangeführte Erdgas verdichten, bevor dieses durch die landseitige Anbindungsleitung O-PAL über Groß Köris (Brandenburg) nach Olbernhau (Sachsen) und von dort weiter (durch die
STEGAL) nach Tschechien geleitet wird. Eingangsdruck Vyborg: ca. 200-220 bar, Anlandedruck Lubmin: ca. 70-130 bar, Verdichtung auf ca. 170 bar Betriebsdruck.
Zuständig für Planung und Bau von OPAL und Anlandestation ist WINGAS/Kassel.
Künftiger Eigentümer der Anlandestation: NordStream, Eigentümer der OPAL: WINGAS und E.ON Ruhrgas/Essen. (Die WINGAS ist ein Gemeinschaftsunternehmen der deutschen WIN-TERSHALL und der russischen GAZPROM.)
Flächenbedarf für Anlandestation OPAL
: ca. 12 Hektar
(entspricht 6 Fußballfeldern = Ausstellungsfläche Neue Messe Leipzig)
Betroffen ist zunächst eine Waldfläche am nördlichen Kai des Lubminer Industriehafens, welche im FFH-Gebiet DE 1747-301 und im EU-Vogelschutzgebiet DE 1747-401 liegt, u. a. einen Seeadlerhorst beherbergt, und komplett gerodet werden soll. Direkt und dann von schmaler Pufferzone entblößt, grenzen nördlich die unter europäischem Schutz stehenden Freesendorfer Salzwiesen und die Halbinsel Struck an. Auf einer weiteren, anschließenden Fläche soll zeitlich versetzt eine gleichartige zweite Anlandestation für die NEL gebaut werden. Damit würde sich der Flächenbedarf auf insgesamt 24 Hektar erhöhen.

Zeitplan für den ersten Bauabschnitt:
Bauarbeiten ab Anfang 2009, Waldeinschlag 1. oder 2. Quartal 2009, Betriebsbereitschaft ab Mitte 2010. Der zweite Bauabschnitt soll 2010 beginnen und 2012 enden.

Gebäudebedarf für eine Station:
- vier Verdichterhallen (je 24x18 m, 11 m hoch) mit Gasturbinen-betriebenen Erdgas-
verdichtern = vier jeweils 31 m hohe Schornsteine (Durchmesser 3,5 m)
- ein Kesselhaus (32x16 m) für Brenngasaufbereitung = vier Kesselanlagen mit je einem 31 m
hohen Schornstein = vier Schornsteine; dazu zwei so genannte Ausbläser 30 m hoch.
- ein Betriebsgebäude (40x17 m)
- ein Lagergebäude (16x9 m)
- drei Messgebäude (je 10x5 m)
- zwei Filtertassen (je 20x14 m)
- ein Versorgungsgebäude (13x22 m).
Diese Gebäude werden nicht höher als 16 m sein. Problematisch sind jedoch der hohe Flächenbedarf und die Zahl von insgesamt zehn bis zu 31 m hohen Schornsteinen (mit Rauchfahnen) pro Station. Bei zwei Stationen sind das also 20 Schornsteine!

Leistung:
Jede der beiden Anlandestationen soll pro Stunde 4 x 767,0 Tonnen = 3.068,0 Tonnen Erdgas verdichten. Die mechanische Leistung jeder Gasturbine liegt bei ca. 30 MW (95 MW FWL), der mechanische Wirkungsgrad bei 30-38%. Damit fällt die restliche eingesetzte Energie als Abwärme in Form von heißen Rauchgasen an. (Also keine Abwärme in den Greifswalder Bodden.) Nur ein Teil davon kann zur Dampf- und Wärmeerzeugung vor Ort genutzt werden. Nach Kalkulationen der Antragsteller ist für eine Fernwärmenutzung keine wirtschaftliche Lösung erreichbar. (Fernleitungen über 10 km sind generell unwirtschaftlich.)
An anderer Stelle der Antragsunterlagen findet sich folgende Aufstellung:
- Vier Gasturbinen in der Erdgas-Verdichterstation
zum Antrieb von Arbeitsmaschinen: 380 MW thermisch
- Vier Kessel in der Heizkesselanlage
zur Wärmeerzeugung: 152 MW thermisch
- Stationsheizung: 0,7 MW thermisch
- Gesamt: 533 MW

Prognose für Luftverunreinigungen:
Rauchgasvolumenstrom (in m3/Stunde) von vier Gasturbinen vier Heizkesseln
247.000 44.000
Emissionen (in kg/Stunde) von CO 24,70 keine Angaben
NOx 18,53 4,80
SO2 1,24 keine Angaben
Hieraus ergeben sich folgende Jahresemissionen: CO = 212.420 kg, NOx = 159.100 kg,
SO2 = 10.664 kg.
Aus Sicht der Antragsteller liegen alle Emissionswerte unterhalb der Grenzwerte nach TA Luft. Dabei handelt es sich allerdings um Einzelbetrachtungen. Kumulationseffekte im Verein mit anderen Standort-Emittenten blieben unberücksichtigt. Außerdem wird das Maximum der Zusatzbelastungen außerhalb des Beurteilungsgebietes liegen.

Immissionsprognose Lärm:
Die 2 x zweijährige = vierjährige Bauzeit wird vor allem von Bau- und Verkehrslärm erfüllt sein; mit bis zu 100 LKW pro Tag ist zu rechnen (zusätzlich zum Bauverkehr z.B. für das ge-plante Steinkohlekraftwerk der DONG Energy). Für die Betriebszeit werden folgende Immis-sionen in dB(A) angegeben: nachts werktags Sonn- u. Feiertage
Hafengebiet 44 46 48
Lubmin 24 26 28
Spandowerhagen 25 27 29
Kumulationseffekte im Verein mit anderem Standort-Lärm wurden nicht berücksichtigt.

Umweltverträglichkeitsuntersuchung (Ordner 21 und 22):
Als „verbleibende entscheidungserhebliche Auswirkungen“ wurden bezeichnet:
- Verlust von teils hochwertigen Böden
- Beeinträchtigung von hochwertigen Sandstandorten
- Verlust von hochwertigen Biotoptypen (Kiefernwald, Vorwald, Gebüsche, Sandmagerrasen)
- Verlust von Habitatstrukturen für Brutvögel
- Verlust von Habitatstrukturen für Fledermäuse.
Hinsichtlich des FFH-Gebietes ‚Greifswalder Bodden, Teile des Strelasundes und Nordspitze Usedom’ sowie des EU-Vogelschutzgebietes ‚Greifswalder Bodden’ sind „erhebliche Beeinträchtigungen“ zu erwarten. „Maßnahmen zur Schadensbegrenzung nicht möglich. Einleitung eines Ausnahmeverfahrens erforderlich.“
Landschaft: „Der Greifswalder Bodden ist eine typische Boddenlandschaft mit hoher Vielfalt und teilweise hoher Naturnähe. Aufgrund seiner besonderen Eigenart und Schönheit (sehr hochwertig) wird eine sehr hohe Schutzwürdigkeit zuerkannt. […] Die vielfältigen Sichtbeziehungen und die Höhengleichheit des marinen Landschaftsbildes bewirken eine sehr hohe visuelle Verletzlichkeit des Raumes. Aufgrund der guten Einsehbarkeit ist der Raum hoch empfindlich gegenüber optischen Störungen.“ Das Projekt führt deshalb zu „Teilverlust von Landschaftsbildräumen und Überprägung durch optische Überlagerung“.
Naturschutz: Erhebliche Beeinträchtigungen für Seeadler, Rotmilan, Schwarzspecht, Heide-lerche, Neuntöter und Sperbergrasmücke durch dauerhaften Funktionsverlust von Brutrevieren. „Das Vorhaben der Anlandestation […] ist geeignet, das EU-Vogelschutzgebiet ‚Greifswalder Bodden’ erheblich zu beeinträchtigen. Es ist somit im Sinne des § 34 Abs.2 BNatSchG als nicht verträglich zu werten.“
Daher werden in vorliegendem Gutachten die Voraussetzungen zur Genehmigung des Vorhabens im Rahmen eines Ausnahmeverfahrens überprüft. Ergebnis: Das Vorhaben kann nur zugelassen werden, wenn es aus zwingenden Gründen des überwiegenden öffentlichen Interesses, einschließlich solcher sozialer oder wirtschaftlicher Art, notwendig ist und zumutbare Alternativen nicht gegeben sind. Bei der Alternativprüfung kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass es hinsichtlich der Standortwahl „keine zumutbaren Alternativen“ gibt. Auch wird das Vorhaben aus zwingenden Gründen des öffentlichen Interesses – ohne nähere Begründung! – für notwendig gehalten.

Greifswald, 08.04.2008

Dr. G. Vater
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