Politikverdrossenheit

Leserpost aus Bergen zum Thema Politikverdrossenheit:

Den Bäumen nicht „grün“?

Politik und Verwaltung in Bergen scheinen die Meinung der Einwohner zur geplanten Fällung der Kastanien an der Post kaum zu interessieren. Kein Wunder, wenn da Politikverdrossenheit aufkommt, findet der Autor und Fotograf Klaus Ender:

Der Marktplatz Bergen zeigt 2009 ein Bild, das von etlichen Bausünden gezeichnet ist, aber durch die restlichen historischen Häuser wert war, dass riesige Fördergelder investiert wurden. Das teure Pflaster, auf dem man weder richtig laufen, parken oder gar den Kinderwagen schieben kann, musste aus Regionen zwischen Nordkap und dem Orakel von Delphi herangekarrt werden. Man war ja wer — und die Fördergelder flossen, um dem Marktplatz-Ensemble einen würdigen Rahmen zu geben.

Doch jetzt, wo das Benedix-Haus renoviert ist, der Marktplatz halbwegs akzeptiert wird, scheint der Stadtrat von allen guten Geistern verlassen zu sein. Zwei (über 110-jährige) kerngesunde Bäume sollen sterben, um einem modernen Supermarkt zu weichen. Kein Protest, kein Veto der vom Volk gewählten „Volksvertreter“, die zum Wohle des Volkes handeln sollten!

Wenn man die Wut der ca. 1300 Bürger, die schriftlich gegen die Fällung gestimmt haben, den desinteressierten Stadtverordneten gegenüberstellt, dann weiß man, woher die Politikverdrossenheit des Volkes kommt! So war es auch bis 1989 — und die letzte „Warnung“ der heutigen Kanzlerin an die Politiker, „keine sozialen Unruhen herbeizureden“ zeigt, dass sich die Politik ein anderes Volk wählen müsste. An vielen Firmen-Geburtstagen Rügener Autohändlers nimmt sich die Kanzlerin Zeit, um sich und die Wirtschaft feiern zu lassen. Als es darum ging, Tausende Protestschreiben gegen das Steinkohle-Kraftwerk Lubmin entgegenzunehmen, hatte sie keine zwei Minuten Zeit, winkte den z.T. Pfeifenden nur gnädig zu. Was hat das alles mit zwei urwüchsigen Bäumen in Bergen zu tun? Viel! Unsere Luft wird durch massiven Baumschwund immer mehr belastet. Die zwei Bäume an der Post haben mindestens 600 000 Blätter, die eine Fläche von zwei Fußballfeldern ergeben und unsere Luft säubern. Staub, Pilze, Sporen und Bakterien werden herausgefiltert und der gebildete Sauerstoff reicht für zehn Menschen. Würde man diese Bäume fällen und durch junge Bäume ersetzen, müssten zweitausend im Wert von 150 000 Euro gepflanzt werden!

Das Kraftwerk in Lubmin würde uns den „Rest“ geben, denn wer will sich dort erholen, wo Rauchfahnen übers Meer ziehen? Es wird Zeit, dass ein Baum nicht mehr als nachwachsender Rohstoff angesehen wird, sondern als Freund und enorm wichtiger Teil der Natur. Es ist bedrückend, dass die ehemalige Umweltministerin Merkel ihrem Wahlbezirk die Unterstützung verweigert, die unsere Insel dringend braucht. Wenn erst das Kraftwerk Lubmin steht und tausende Schiffe die Billig-Kohle aus China und Australien mit Millionen Tonnen verbrauchtem Diesel anlanden— dann ist es zu spät für diese Region! Denkt um, Ihr Parlamentarier, bevor sich euer Volk Vertreter sucht, die ihrer Rolle würdig sind.