Das Dorfkraftwerk von Ivenack

Ostsee-Zeitung l Freitag, 09. Januar 2009 | Mecklenburg-Vorpommern l 504 Wörter
Das Dorfkraftwerk von Ivenack

In fünf Jahren will die Gemeinde im Kreis Demmin alle 400 Einwohner mit Energie aus eigener Produktion versorgen. Der Bürgermeister treibt das Projekt mit Enthusiasmus voran.

Ivenack (ddp) Die Vision von Roland Lüker (50) klingt verwegen: „In fünf Jahren werden wir das ganze Dorf selbst mit Wärme versorgen“, sagt der parteilose Bürgermeister von Ivenack (Landkreis Demmin). Der gelernte Landtechnikmeister war 2004 Initiator der ersten kommunal betriebenen Biogasanlage mit angeschlossener Nahwärmeversorgung in MV. 2005 nahm das Dorfkraftwerk seinen Betrieb auf.

„Es ist das Herzstück unserer autarken Energieversorgung“, betont Lüker. Neben dem 626-Kilowatt-Biogas-System betreibt die Kompetenzzentrum Regiostrom Ivenack GmbH, die ihren Sitz im Bürgermeisterzimmer hat, auch eine 140-Kilowatt-Photovoltaik-Anlage. Sie ist in die Dächer der denkmalgeschützten Scheunen integriert. „Regiostrom ist faktisch ein dörfliches Stadtwerk“, sagt Lüker stolz. „2007 verkauften wir unsere Wärme für drei Cent pro Kilowattstunde. Wo gibt's sonst noch solche Preise?“ Die unmittelbar benachbarten Kraftwerke gelten seit 2005 als Paradebeispiel für eine regionale Wertschöpfung durch erneuerbare Energien. Nachwachsende Rohstoffe werden vor Ort in Energie umgewandelt, die den Dorfbewohnern zugutekommt. Der örtliche Agrarbetrieb vergärt die gelieferte Mais- und Grassilage zu Biogas, das in einem Blockheizkraftwerk verbrannt wird.

Der daraus erzeugte Strom werde in das öffentliche Netz eingespeist und nach den lukrativen Tarifen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vergütet, erklärt Lüker. Die Abwärme sorge vorerst in einem Wohngebiet und im künftigen Gewerbegebiet für warme Heizungen und Heißwasser. Im Sommer baute der Agrarbetrieb eine Getreidetrockenhalle, die zum großen Teil über die Biogasanlage beheizt wird.

Knapp 40 der in der Siedlung lebenden 100 Menschen profitieren bislang vom lokalen Wärmeangebot. Lüker rechnet mit zusätzlichem Zuspruch für den Zeitpunkt, wenn weitere Anwohner kein Öl mehr für ihre Tanks nachkaufen. Langfristig sollen alle 400 Dorfbewohner an das Nahwärmenetz angeschlossen werden. Ursprünglich sei nur nach einer preisgünstigen Eigenversorgung für touristische Vorhaben auf dem Scheunenberg gesucht worden, sagt Lüker. Dort wollte die Gemeinde eine denkmalgeschützte Großscheune zu einem Bauernmarkt umbauen. Der Plan zielte auf die etwa 50 000 Touristen, die jährlich die über 1000 Jahre alten Ivenacker Eichen sehen wollen.

Als 2004 mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz die hohe Vergütung des selbst erzeugten Biostroms eingeführt wurde, sah der Kommunalpolitiker die Chance für ein Dorfkraftwerk gekommen. Die 1,9 Millionen teure Investition hatte für die Kommune auch ihre Tücken. Die Demminer Kommunalaufsicht bewertete das wirtschaftliche Risiko für die Gemeinde als zu hoch. So musste sich Lüker trotz 

wohlwollender Förderung durch das Schweriner Umweltministerium gerichtlich gegen den damaligen Demminer Landrat Frieder Jelen (CDU) durchsetzen, ehe mit dem Projekt begonnen werden konnte. Die Gründung der Regiostrom GmbH, die eine kommunale Mehrheitsbeteiligung und Privatkapital miteinander verknüpft, war der Kompromiss.

2007 verdoppelten sich die Getreidepreise innerhalb weniger Monate. Die Gesellschafter entschlossen sich, bei laufendem Betrieb auf Mais- und Grassilage umzustellen. Das kostete nicht nur zusätzlich 300 000 Euro, sondern brachte die Gärbiologie aus dem Gleichgewicht. Die Biogasanlage fuhr herbe Verluste ein. Dafür brachte die Photovoltaik-Anlage der Regiostrom 2007 einen Gewinn von 78 000 Euro. „Die Sonne hat uns gerettet“, konstatiert Lüker. „2008 werden wir wieder zumindest mit einer schwarzen Null abschließen können.“ 

EDGAR OFFEL 


Oberes Foto: Der Bürgermeister von Ivenack, Roland Lüker, steht vor der Scheune des Dorfkraftwerkes Ivenack, die mit einer Photovoltaikanlage ausgerüstet ist. Unteres Foto: Anlagenfahrer Hans-Dieter Glawe öffnet in der Biogasanlage einen Schieber des Gülle-Endlagers.