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OSTSEE-ZEITUNG l Montag, 10. März 2008 | Blickpunkt l 503 Wörter
OSTSEE-ZEITUNG lädt morgen zur Podiumsdiskussion in den Greifswalder Dom
Streit um Kraftwerk spaltet Mecklenburg-Vorpommern

Die Differenzen zwischen Gegnern und Befürwortern des Steinkohlekraftwerkes in Lubmin gehen quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und parteipolitischen Lager.

Rostock (OZ) Mit Ausnahme der bis Ende 2005 fertiggestellten Küstenautobahn A 20 hat wohl kaum ein Investitionsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern bislang so sehr die öffentliche Meinung gespalten sowie Gegner und Befürworter mobilisiert wie das geplante Steinkohlekraftwerk in Lubmin. Mit dem Bau des vom dänischen Konzern Dong Energy mit einer Leistung von 1600 Megawatt konzipierten Meilers soll noch 2008 begonnen werden. Das Genehmigungsverfahren läuft und Dong Energy ist zuversichtlich, das zwei Milliarden teure Projekt umsetzen zu können. Auch wenn nach dem Vorbescheid der Genehmigungsbehörde zusätzliche Unterlagen beizubringen sind.

Die Ansichten über Sinn bzw. Unsinn eines Steinkohlekraftwerks am Greifswalder Bodden ziehen sich in MV quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und parteipolitischen Lager. Während der Ministerpräsident, Dr. Harald Ringstorff (SPD), stoisch an den Plänen festhält, verweigern ihm inzwischen große Teile seiner Partei die Gefolgschaft in diesem Punkt. Die Landtagsfraktion der SPD brüskierte Ringstorff, indem sie die derzeit laufende Volksinitiative gegen das Kraftwerk begrüßte. Dem Koalitionspartner und politischen Widersacher CDU liefern die Sozialdemokraten damit eine Steilvorlage. Sind doch die Reihen innerhalb der CDU beim Thema Steinkohlekraftwerk weitgehend geschlossen. Allen voran Wirtschaftsminister Jürgen Seidel, der vor allem mit den entstehenden 140 neuen Arbeitsplätzen wirbt.

In anderen Lagern, wie den Linken, den Grünen und den Gewerkschaften, wird aus unterschiedlichen Motiven heraus gestritten. Die Landrätin von Ostvorpommern, Barbara Syrbe (Die Linke), geht wegen der anstehenden Landratswahl anders als ihre Parteigenossen gern auf Tauchstation. Die Linke unterstützt die Kraftwerksgegner. Die Grünen haben die Debatte fast verschlafen, zeigen punktuell zum Beispiel mit Landesverbandssprecher Jürgen Suhr Flagge, der für den Oberbürgermeisterposten in Stralsund kandidiert und sich gegen das Dong-Projekt ausspricht. Mehrere ostdeutsche Grünen-Verbände haben jetzt den ostdeutschen Landesregierungen vorgeworfen, eine „rückwärtsgewandte Energiepolitik“ zu betreiben, wie es in einer gemeinsamen Erklärung vom Wochenende heißt. In den Gewerkschaften neigt sich das Pendel zum „Pro Kraftwerk“. DGB- Nord-Chef Peter Deutschland plädiert zumindest dafür.

In der Bevölkerung gehen die Meinungen weit auseinander. Die Gegner des Kraftwerks verweisen vor allem auf den Umweltschutz – der kohlegestützte Energiehersteller soll jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft blasen. Das sei nicht zu akzeptieren. Auch viele Touristiker von den Urlaubsinseln Rügen und Usedom laufen Sturm. Bürgerinitiativen wurden gegründet und eine Volksinitiative gestartet.

Der anderen Seite sind die neuen Arbeitsplätze wichtig. So schrieb der Armaturenschlosser Dirk Glawe (42) aus Greifswald der OZ: „Als ehemaliger Kernkraftwerker, der seit mehreren Jahren nicht in MV, sondern in den alten Bundesländern in Lohn und Brot steht, wünsche ich mir endlich einen Industriearbeitsplatz in meiner alten Heimat, bei meiner Familie. Wenn man Landeskinder mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen ins Land zurückholen möchte, und das erklärt MV unentwegt, dann muss man ihnen auch die dafür notwendigen Möglichkeiten in Form von gut bezahlten Arbeitsplätzen geben. Dies wäre im Dong-Steinkohlekraftwerk gegeben.“ Glawe ist überzeugt davon, dass „heute keine Dreckschleudern mehr in die Landschaft gebaut werden“.

THOMAS SCHWANDT
OZ_2008_03_10.pdf
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