Der Greifswalder Protest-Marathon

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Ostsee-Zeitung l Mittwoch, 29. Oktober 2008 | Blickpunkt l 612 Wörter
Der Greifswalder Protest-Marathon

Das aufwendigste öffentliche Genehmigungsverfahren in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns hat begonnen. 13 Tage laufen die Anhörungen zum Bau des Steinkohlekraftwerkes in Lubmin.

Greifswald (OZ) Erst vor drei Wochen haben sich Anja und Torsten Jelinski ein Wohnmobil gekauft. Nicht neu, denn Urlaub wollen sie damit nicht machen. Seit zwei Tagen kampiert das Ehepaar aus Thiessow auf Rügen mit der Neuanschaffung in einem Greifswalder Gewerbegebiet. Unmittelbar neben dem Freizeitzentrum Schawi, wo das Staatliche Amt für Umwelt und Natur (StAUN) seit gestern die Erörterungen im Genehmigungsverfahren für das geplante Steinkohlekraftwerk in Lubmin anberaumt hat.

„Wir wollen bei allen Anhörungen dabei sein“, haben sich Jelinskis vorgenommen. Ihre Gaststätte, die „Mönchguter Fischerklause“, haben sie deshalb seit Sonntag geschlossen. „Das hier ist uns wichtiger“, sagt der gelernte Koch, der für seine Gäste viel Fisch aus dem Greifswalder Bodden auf den Tisch bringt. „Wenn die Dreckschleuder tatsächlich gebaut wird, geht nicht nur unser Hering ein, dann steht unsere gesamte Existenz infrage.“ Die Genehmigungsbehörde hatte für die Anhörungen extra ein provisorisches Veranstaltungsgebäude angemietet, gut 60 Meter lang, mit 1700 Plätzen. So riesig war der Andrang dann doch nicht. Zwei Drittel der schwarzen Plaste- 

stühle blieben leer. „Wir haben uns vorher abgestimmt, wer von den Einwendern und Experten an welchem Tag hier sein kann“, sagt Corinna Cwielag vom Umweltverband BUND. Immerhin ist das Ganze ausgesprochen zeitaufwendig. 13 Verhandlungstage hat die Behörde für die Erörterungen angesetzt. In dieser Zeit sollen – vor der Entscheidung der Ämter – alle offenen Fragen geklärt werden. Für einen Paukenschlag unterm Plastezeltdach sorgte der Anwalt der Umweltverbände BUND und WWF, Peter Kremer. Er machte ein taufrisches Schreiben des Sozialministeriums öffentlich, das bisher kaum jemand im Saal kannte. Danach wird die Erwärmung des Boddens durch die Kühlwassereinleitung dazu führen, dass sich die gefährliche Bakterienart Vibrio vulnicicus erheblich vermehrt. Diese Vibrionen können zu schweren Wundinfektionen, Amputationen und sogar zum Tod führen. „Vor etwa fünf Jahren hat es in Karlshagen auf Usedom bereits einmal einen Todesfall nach einer solchen Wundinfektion gegeben“, hat BUND-Sprecherin Cwielag erfahren.

Durch die Verschlechterung der Badewasserqualität steht für Lubmin die Seebad-Anerkennung auf dem Spiel. Der Vertreter von Dong Energy legte in der Präsentation des Vorhabens gestern selbst dar, dass das Kraftwerk pro Stunde bis zu 246 000 Kubikmeter Kühlwasser in den Greifswalder Bodden einleiten wird. Fazit in der Stellungnahme des Ministeriums: Das Vorhaben wäre „in seiner beantragten Form aus Sicht der Behörde nicht genehmigungsfähig“. Der Anwalt der Gemeinde Thiessow, Reiner Geulen, hatte zuvor beantragt, die Erörterungen abzubrechen, da das Dong-Kraftwerk wegen seiner geringen Energieeffizienz nicht Stand der Technik und nicht genehmigungsfähig sei. Die Vertreter des Investors wiesen dies zurück. Mit einem Wirkungsgrad von 47 Prozent liege ihr Projekt über den bisher in Deutschland gebauten Kraftwerken, die nur einen durchschnittlichen Wirkungsgrad von 37 Prozent aufweisen. Außerdem argumentiert der dänische Konzern: „Wir schaffen 400 Dauerarbeitsplätze und tun damit etwas gegen die Abwanderung in Vorpommern.“ Ein älterer Herr, der sich weit hinten einen Platz gesucht hatte, ärgert sich über das Szenario. „Das ist nicht in Ordnung, dass hier so viele gegen das Kraftwerk sind“, meint der 80-Jährige, der aber seinen Namen nicht nennen will. „So leicht können nur die reden, die Arbeit haben.“ Zu einem Kaffee im Wohnwagen haben Jelinskis gerade Besuch. „Ich stamme aus Bayern, wo der Tegernsee und der Chiemsee dieselbe touristische Zugkraft haben wie die Insel Rügen“, sagt Manfred Hässler. Dort käme niemand auf die Idee, ein Kohlekraftwerk zu bauen. „Die lachen sich kaputt über uns hier, und hoffen, dass die Urlauber dann zu ihnen kommen“, ärgert sich der 66-Jährige. Als Ruheständler zog er mit seiner Frau nach Thiessow. „Wir dachten ja, dass es hier schön ist.“ 

ELKE EHLERS