bis auf den Papst und Obama

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OZ UNIVERSITÄTS- UND HANSESTADT GREIFSWALD Dienstag, 6. Oktober 2009, S11

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In diesem Herbst soll sich entscheiden, ob das geplante Kohlekraftwerk in Lubmin genehmigt wird. Investor ist der dänische Konzern Dong Energy. Die OZ sprach mit Manager Peter Gedbjerg und Torsten Jelinski, dem Kopf der Projektgegner, über ihr Engagement für und gegen das Vorhaben.

Bis auf den Papst und Obama habe ich mit allen gesprochen.“
Torsten Jelinski, Kraftwerksgegner
Von GERIT HEROLD Thiessow.

„Es gibt in der Sache keine Kompromisse“  Torsten Jelinski kann sich noch genau an den Herbsttag erinnern, der vor drei Jahren sein Leben veränderte. „Ich hörte morgens im Radio, dass in Lubmin ein Kohlekraftwerk gebaut werden soll.“ Zuerst habe er das für einen reichlich verfrühten Aprilscherz gehalten. Dann dachte er nur noch: Das kann doch nicht wahr sein! „Kohlekraftwerk und Tourismus – das passt einfach nicht zusammen. Wir haben 54 Asthmakliniken im Land, und mitten rein soll ein Steinkohleraftwerk“, schüttelt Jelinski den Kopf. Er erzählt davon, wie sich die Luft- und Badewasserqualität verschlechtern würden, von den gesundheitlichen Gefahren, nennt Zahlen und Fakten aus verschiedenen Studien. Vor ihm liegt ein dicker Aktenordner. Wie zur Sicherheit. Falls er eine Zahl nicht genau im Kopf hat. Doch er hat alle parat. „Meine Frau und ich haben sofort begonnen, Informationen und erste Einwendungen zu sammeln und Mitstreiter zu suchen. Wir sind hier in Thiessow von Haustür zu Haustür gegangen und haben Unterschriften gesammelt“, erinnert sich Jelinski an die Stunde Null der Aktivistenbewegung. Schnell wurde er deren Kopf. Bis heute ist er ihr lautstarkes Sprachrohr. Darauf ist er stolz und auch seine 21-jährige Tochter, sagt er. Seit drei Jahren bestimmen das Kraftwerk und Dong sein Leben. „Drei bis vier Stunden am Tag gehören Dong. Ich gehe abends damit ins Bett und wache morgens damit auf. Undmanches Mal habe ich auch schon davon geträumt“, sagt der 41-Jährige. Und was macht er in seiner Freizeit? Hobbys? „Alles eingestellt“, zieht der Thiessower die Stirn in Falten, der sich sehr für die Geschichte des Lotsenwesens auf der Insel Rügen interessiert. Aber das war vor Dong. Er kann nicht anders. „Ich bin Jahrgang 68. Das passt doch“, schmunzelt er. Schon als Jugendlicher hat sich der gelernte Schlosser aufgelehnt und eingesetzt, wenn er etwas ungerecht fand. Er ist in Wittstock aufgewachsen. Hat seine Kindheit und Jugend neben dem Bombodrom verbracht. Das hat ihn geprägt. Gleich nach derWende hat er sich dessen Gegnern angeschlossen. „Ich war schon immer ein politisch interessierter Mensch“, meint Jelinski. Er war aber nie in der Politik aktiv. Dorthin hat ihn das geplante Kohlekraftwerk gebracht. Auf der Suche nach Hilfe habe er die Nähe zur Politik gesucht. Und sie schließlich bei den Grünen gefunden. Seit Mai dieses Jahres ist er Mitglied in der Ökopartei. „Dong war für mich Motivation, mich für den Kreistag aufstellen zu lassen“, sagt der zugleich frisch gewählte Vorstand der Bündnisgrünen auf Rügen. „Das Wahlergebnis in meinem Heimatort ist mit 40,9 Prozent für die Grünen das beste in ganz MV.“ Seinen überwältigenden Wahlerfolg, mit dem seine Partei schließlich das erste Mal in den Kreistag einziehen konnte, sieht der Thiessower als Bestätigung seiner Arbeit. „Ich sehe, dass die Leute mir den Rücken stärken wollen. Sie erkennen das an, was ich mache. Ich tue es nicht nur für mich, ich kämpfe für die ganze Region.“ Mit dem Steinkohlekraftwerk in Lubmin verbindet man sofort einen Namen, hatte Jürgen Trittin bei einem Treffen zu ihm gesagt. Nicht der einzige Politik-Promi, dem Jelinski bei seinem Kampf gegen das Kraftwerk begegnet ist. „Bis auf den Papst und Obama habe ich mit allen gesprochen“, so der Koch, der zusammen mit seiner Frau Anja seit 2003 die Mönchguter Fischerklause in Thiessow betreibt. Auf wie vielen Terminen er war, wie viele Aktionen er organisiert und mitgemacht hat, kann Jelinski nicht mehr zählen. „Es gibt keine Aktion, bei der ich nicht dabei war.“ Die ehrenamtliche Arbeit gehe in die Millionen an Euro und Arbeitsstunden. Bei den Erörterungsterminen in Greifwaldwaren er und seine Frau komplett dabei. Sie hatten extra ein Wohnmobil gekauft, um fünf Wochen lang vor Ort zu sein. Ihre Gastsstätte hatten sie deswegen zugemacht. Die finanziellen Verluste nimmt der Aktivist in Kauf. Er ist sich sicher, dass sich all die Mühe lohnen und das Kohlekraftwerk nicht genehmigt wird. „Andernfalls klagen wir. Und wir gehen in jede Instanz. Es gibt in der Sache keine Kompromisse.“ Das sagt er keinesfalls verbissen. Das sagt er aus Überzeugung. Weil es für ihn keinen anderen logischen Schluss gibt. „Das Kraftwerk würde der Region mehr schaden als nützen.“ Es gehe um einen Immageverlust, um Existenzen und um sehr viel Geld. Dabei ist er nicht prinzipiell gegen die Ansiedlung von Industrie in Lubmin. „Es gibt Alternativen.“ Eine sieht er in Offshore-Windparks gekoppelt an ein Gaswerk. Ein Fossilkraftwerk wäre die völlig falsche Richtung. Ein großer Schritt zurück. Und völlig widersinnig hinsichtlich des Energiekonzeptes 2020. Selbst in Dänemark werde ein Kraftwerk ohne Wärmekopplung auf fossiler Verbrennungsbasis nicht genehmigt, so Jelinski. Erneuerbare Energien würden ein Vielfaches mehr an Arbeitsplätzen als Kohle schaffen. „Seit drei Jahren blockiert Dong eine vorbereitete Baustelle. Dong ist der weltgrößte Betreiber vonWindkraftanlagen. Die können sie doch hier bauen oder Elektroautos. Wenn Dong das macht, bin ich einer der größten Fans des Konzerns.“

Fotountertitel
Torsten Jelinski ist einer der Wortführer der Protestbewegung gegen das Kohlekraftwerk. Drei bis vier Stunden kümmert sich der Rüganer täglich ehrenamtlich umdas Thema. Foto: G. Herold