Kraftwerks-Gegner fühlen sich schon als Sieger

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Ostsee-Zeitung l Mittwoch, 30. April 2008 | Mecklenburg-Vorpommern l 418 Wörter
Kraftwerks-Gegner fühlen sich schon als Sieger

Die Bürgerinitiativen und die Naturschützer bündeln ihre Kräfte. Bei einem Vor-Ort-Termin in Lubmin gab sich der BUND-Bundesvorstand gestern überzeugt: Das Kraftwerk hat keine Chance.

Lubmin (OZ) Die Schuhe von Bürgermeister Klaus Kühnemann (66) sind etwas abgelaufen, aber gut geputzt. Am Revers seines samtschwarzen Sakkos trägt er einen Sticker: „Kein Steinkohlekraftwerk Lubmin!“ Das Stadtoberhaupt hat sich in Schale geworfen. Hoher Besuch ist gekommen, um Solidarität zu demonstrieren gegen das Mammutprojekt des dänischen Investors Dong Energy: Prof. Hubert Weiger, Bundesvorsitzender des Naturschutzverbandes BUND. „Wir werden klagen“, sagt er. „Die Aussichten sind gut.“ Hinter ihm erhebt sich dunkel die Kulisse des stillgelegten Lubminer Atommeilers, vor ihm kräuselt sich die blaue See. Kühnemann deutet auf eine breite Schneise, die im nach Kiefern duftenden Küstenwald klafft. „Genau da wollen sie es bauen. So nah!“ In der Tat. Nur gut 200 Meter weg von dem feinen Sandstrand, den im Sommer bis zu 10 000 Tagestouristen bevölkern. Und kaum 900 Meter weg vom Ortsrand. Mit einem 180 Meter hohen Schlot, der laut BUND Millionen Tonnen Kohlendioxid und giftige Flugasche ausstößt. Riesige Kohlefrachter werden anlanden. „600 Schiffsbewegungen im Jahr“, sorgt sich Kühnemann und der Wind zaust seine grauen Haare.
Ja, was ist dann mit den Touristen, was mit der Natur? Vor dem Strand, wo das Kühlwasser des Kraftwerks eingeleitet wird, liegen die Laichgründe der Heringe. „Da ist jetzt alles voll kleiner Fische“, schwärmt der Bürgermeister, „graue Wolken im Wasser. Ich hab’ sie gesehen.“ Im Untergangsszenario des BUND werden diese Fische vom Kraftwerk mit Quecksilber verseucht. „Quecksilber“, schnaubt Weiger. „Das heimtückischste Gift, das man in die Umwelt entlassen kann.“ Es werde in die Nahrungskette gelangen, könne zu schweren Knochenkrankheiten führen. „Das Kraftwerk darf nicht gebaut werden. Das ist ein Kampf, der deutschlandweit von großer Bedeutung ist. Es geht um den Schutz der Ostsee.“ Kraftwerksbetreiber Dong Energy sieht das alles etwas anders. „Es wird ja gar kein Quecksilber eingeleitet“, empört sich Konzernsprecher Michael Deutschbein. „Also, es geht mir um die Ausdrucksweise. Natürlich wird Quecksilber freigesetzt. Aber über das Rauchgas. Und da liegen wir deutlich unter den Grenzwerten.“ Große Teile der Bevölkerung indes lehnen das Kraftwerk rundweg ab. Über 32 000 Unterschriften kamen zusammen. Bürgerinitiativen gründeten sich, auch auf Rügen und Usedom. „Die Kühlwasserfahne ergießt sich bis dorthin“, führt BUND-Biologe Arndt Müller aus. Das Meer werde sich erwärmen, stellenweise um sieben bis acht Grad. (Dong: 0, 7 Grad). „Die Badewasserqualität leidet.“ Die Kraftwerksgegner sind siegessicher. „Wenn Dong nächste Woche aufgibt“, das müssen wir feiern“, ruft Kühnemann. „Ja“, stimmt BUND-Landesgeschäftsführerin Corinna Cwielag zu. „Ein Fest! So was wie Woodstock.“

MARCUS STÖCKLIN


Die Grafik zeigt das bei Lubmin geplante Kohlekraftwerk. Das Kraftwerk am Greifswalder Bodden soll jährlich über 4 Millionen Tonnen Steinkohle verheizen.

Foto: ddp

Arndt Müller, Biologe beim BUND, warnt vor der Erwärmung der Ostsee und ihrer Anreicherung mit Quecksilber. „Die Badewasserqualität leidet.“ Flute das erwärmte Wasser zurück ins Kraftwerk, drohe der „thermische Kurzschluss“.


BUND-Bundesvorsitzender Prof. Hubert Weiger: „Das ist ein Kampf, der deutschlandweit von großer Bedeutung ist. Es geht um den Schutz der Ostsee.“ Er sieht den Bau des Kraftwerks als „massiven Beitrag zur Vernichtung der Schöpfung“.