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Ostsee-Zeitung | Donnerstag, 13. März 2008 | Mecklenburg-Vorpommern | 893 Wörter pdf-Datei zum Download
OZ-Podiumsdiskussion zum geplanten Steinkohlekraftwerk in Lubmin

Die Kohle spaltet
In einer heißen Debatte über das geplante Kraftwerk in Lubmin stritten Gegner und Befürworter im Greifswalder Dom darüber, wie Stromerzeugung und Tourismus zusammenpassen.

Greifswald (OZ) Monika Skrock war noch unentschlossen, als sie am Dienstagabend den altehrwürdigen Dom St. Nikolai im Herzen der Hansestadt Greifswald betrat. Sie sei zwar dagegen, dass in Lubmin Steinkohle zu Strom verfeuert werde, sagte die 63-Jährige. Aber die Arbeitsplätze in dem Kraftwerk seien natürlich wichtig für die Region.

Pro oder contra Steinkohlekraftwerk?
Um sich dazu eine Meinung zu bilden, war Frau Skrock aus Hanshagen (etwa acht Kilometer von Lubmin entfernt) zu der Podiumsdiskussion „Steinkohlekraftwerk in Lubmin – Jobs contra Umwelt?“ gekommen. Im Dom diskutierten Befürworter und Gegner das Für und Wider des geplanten Meilers auf dem von der OSTSEE-ZEITUNG organisierten Forum.

Das Steinkohlekraftwerk in Lubmin. „Kein anderes Thema hat das Land in den vergangenen Monaten derart bewegt, emotionalisiert, aber auch gespalten“, sagte zu Beginn OZ-Redakteur Jörg Köpke, der die Diskussionsrunde gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Schwandt moderierte. Was wiegt schwerer? Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region auf der einen Seite oder gravierende Folgen durch den Meiler für Tourismus, Umwelt und Gesundheit auf der anderen?

Für Dr. Klaus Kühnemann, Bürgermeister von Lubmin, war die Antwort klar. „Der Standort braucht Industrieansiedlungen, die Region Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.“ Aber das Steinkohlekraftwerk wäre dafür die falsche Lösung. Die Region stehe für Wellness, Gesundheit und Urlaub. Ein Kohlemeiler passe da überhaupt nicht rein.

Dr. Stephan Rudolph schüttelte den Kopf. „Mecklenburg-Vorpommern als Gesundheits- und Tourismusland sowie als Energiestandort – das sind keine Gegensätze“, betonte der Staatssekretär im Schweriner Wirtschaftsministerium. Das Land brauche die Jobs. MV weise eine um 60 Prozent geringere Industriedichte auf als die alten Bundesländer. Im Kraftwerk würden nicht nur 140 Jobs entstehen, sondern weitere 600 beispielsweise in Dienstleistern und Wartungsfirmen.

Das einseitige Jobargument wollten die Kraftwerksgegner nicht gelten lassen. Eine große Gefahr für Arbeitsplätze im Tourismus sah Chris Labouvie von der Bürgerinitiative „Kein Steinkohlekraftwerk Lubmin“. Jeder sechste Job der Region sei in dieser Branche angesiedelt. Ein Zuhörer ergänzte, dass von den 140 geplanten Kraftwerksjobs zudem nur 30 für Menschen aus der Region vorgesehen seien. Er wisse das, schließlich sei er Personalberater bei der Agentur für Arbeit.

Dr. Kühnemann pochte auf ein Gutachten, laut dem der Tourismus der Region sehr wohl negativ beeinflusst werde durch den Meiler. „Da muss ich als Bürgermeister natürlich auf die Barrikaden gehen – wir sind schließlich ein Seebad.“ Für den dänischen Energiekonzern Dong Energy, der das Kraftwerk in Lubmin bauen will, war Projektleiter Peter Gedbjerg in der Runde dabei. Er verwies auf das Anfang der 90er-Jahre bei Rostock errichtete Kohlekraftwerk. Damals sei ebenfalls vom Zusammenbruch des Tourismus gesprochen worden. „Aber das ist nicht geschehen.“ Er zeigte sich davon überzeugt, dass die Lubminer Anlage dem Tourismus nicht schade.

Für seine Ausführungen erntete Gedbjerg erregte Zwischenrufe aus dem Publikum. Ein Hotelier von der Insel Usedom befürchtete „Tausende Arbeitslose“, da die Urlauber wegen des Meilers bald ausblieben. Zudem würden auf Usedom andere Bedingungen gelten als etwa in Rostock.

Gedbjerg winkte unbeeindruckt ab. „Es ist gefährlich, solche Schreckensszenarien ohne Dokumentation aufzumachen.“ Die Region werde durch das 1600-Megawatt- Kraftwerk nicht nachhaltig durch Lärm, Staub oder Emissionen belastet. Auch die Belastung mit Quecksilber liege weit unterhalb des Grenzwertes. Bis 2050 wolle Dong Strom unabhängig von fossilen Brennstoffen produzieren. „Bis dahin brauchen wir die Steinkohle, um den Energiebedarf zu decken.“ Bis 2020 sollen in Deutschland alle Atomkraftwerke sowie veraltete Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Nach Angaben des Energieexperten Prof. Friedrich Wagner entstehe bis dahin eine Stromversorgungslücke in Höhe von 50 Gigawatt. „Das ist gut die Hälfte der Gesamtstromproduktion in Deutschland“, so der Kernfusionsforscher vom Greifswalder Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Die Lücke gelte es zu schließen. Aber wie?

„Wir werden um die Kohle nicht herumkommen“, sagte Wagner. Trotz Steigerung bei Strom aus Windenergie und Photovoltaik bleibe eine Differenz. Zudem würden die Gaspreise weiter hochgehen. „Wir brauchen Gas zum Heizen und in zunehmendem Maß zum Autofahren.“ Daher sei man bis mindestens 2040 auf Steinkohle angewiesen, denn der Energieverbrauch werde weiter steigen.

Das stellte Jürgen Suhr, Sprecher des Landesverbandes von Bündnis 90/Die Grünen, jedoch in Frage. Die Versorgungslücke sei unter anderem durch eine spürbare Reduzierung des Stromverbrauchs durchaus in den Griff zu bekommen. Zudem werde die Weiterentwicklung regenerativer Energien unterschätzt. „Mecklenburg-Vorpommern hat dabei eine Vorreiterrolle.“ Dazu könnte auch Lubmin beitragen. Laut Staatssekretär Rudolph gebe es „ganz konkrete Gespräche“ für Ansiedlungen mit insgesamt 950 Arbeitsplätzen, die mit dem Kohlekraftwerk nichts zu tun hätten. Eine der avisierten Firmen wolle am Standort Komponenten für Photovoltaik-Anlagen produzieren.

Empörung schlug Rudolph entgegen, als er sich in mehreren Antworten beharrlich auf das rechtsstaatliche Prüfverfahren für den Meiler berief. Die Bürger fühlten sich ausgegrenzt. Das Land führe dem Investor bei dem Antrag die Feder, lautete ein Vorwurf.

Trotz der harten Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern wurde die Diskussion auf dem Podium sachlich geführt. Monika Skrock hörte viele neue Argumente, die sie schließlich zu einer klaren Meinung bewogen. „Ich bin jetzt dafür, dass das Kraftwerk gebaut wird“, sagte sie nach der Veranstaltung. Vor allem Gedbjergs Argumente einer schadstoffarmen Anlage hätten sie überzeugt.

Info: Bildergalerie unter  www.ostsee-zeitung.de

AXEL MEYER