„Wir brauchen neue Kraftwerke“

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Ostsee-Zeitung l Donnerstag, 22. Mai 2008 | Wirtschaft l 757 Wörter
„Wir brauchen neue Kraftwerke“

Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) warnt in einer Studie vor künftigen Strom-Engpässen in Deutschland. Die OZ sprach darüber mit Dena-Chef Stephan Kohler. Er spricht sich für das Steinkohlekraftwerk in Lubmin aus.

Berlin (OZ) Neue Kraftwerke sind gut für die Umwelt, weil sie weniger CO2 ausstoßen als alte. Sie wirken hohen Strompreisen entgegen und schaffen Arbeitsplätze, so wirbt der Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena) Stephan Kohler (55) im OZ-Interview für neue Kraftwerke. Auch in Lubmin. Die Dena wird von vier Bundesministerien gefördert. Sie erhält auch Zuwendungen aus der Energiewirtschaft. Heute ist Kohler beim Energietag in Greifswald.

OZ: Herr Kohler, in einer Dena-Studie warnen Sie vor einer künftigen Stromlücke in Deutschland. Tun Sie das, um die Zustimmung zu neuen Kraftwerken bzw. um die Verlängerung der Laufzeit von Atommeilern zu erreichen? Rechnen Sie mit der Angst, dass bald die Lichter ausgehen?

Stephan Kohler: Wir wollen keine Angst verbreiten, sondern nüchtern Entwicklungen analysieren. Unsere Studie unterstellt das volle Klimaschutzprogramm der Bundesregierung bis 2020 – also acht Prozent Stromeinsparung, 30 Prozent regenerative Energie sowie 25 Prozent aus Kraft-Wärme-Kopplung. Aber dennoch kommt unsere Studie zu dem Ergebnis, dass 2020 rund 12 000 Megawatt Erzeugungskapazität fehlen würden. Das ist die Leistung von rund 15 großen Kraftwerksblöcken. Wenn diese Lücke nicht gefüllt wird, wird die Stromversorgung teurer und unsicherer. Vor allem aber wird das Klima stärker belastet.

OZ: Neue Großkraftwerke als Klimaschutzmaßnahme. Das wird die Menschen, die vehement gegen das geplante Steinkohlekraftwerk bei Lubmin protestieren, nicht überzeugen.

Kohler: Sie dürfen den Bau neuer Kraftwerksanlagen nicht nur standortbezogen betrachten, denn wir haben in Deutschland ein Verbundsystem. Und der Bau neuer Anlagen, die aus Kohle oder Erdgas Strom erzeugen, ist nicht nur für eine sichere Versorgung notwendig, sondern senkt auch den CO2-Ausstoß. Hocheffiziente neue Kraftwerke stoßen bei gleicher Leistung rund ein Drittel weniger aus als alte. Wenn die neuen Anlagen jedoch verhindert werden, müssen die vorhandenen länger laufen. Das gilt auch für Atomkraftwerke, die in Deutschland ebenfalls höchst umstritten sind.

OZ: Warum aber ein Großkraftwerk in einer vorpommerschen Touristenregion, dass die Landschaft verschandelt und obendrein die Ostsee aufwärmt?

Kohler: Alle Bürger stöhnen unter den hohen Strompreisen. Aber wenn überall in Deutschland neue Kraftwerke verhindert werden, bekommen wir nicht nur Versorgungsengpässe, sondern auch weiter explodierende Preise. Das kann niemand ernsthaft wollen. Jeder ist dafür, dass wir unseren Wohlstand mit einer gesicherten Energieerzeugung erhalten, aber die Konsequenzen daraus möchte niemand tragen. Das ist nicht zu Ende gedacht. Und vergessen sie nicht, dass ein neues Kraftwerk auch neue Arbeitsplätze in Mecklenburg-Vorpommern schafft.

OZ: Warum dann aber ein Kohlekraftwerk, wo in Lubmin schon bald die Ostsee-Pipeline russisches Gas liefern wird?

Kohler: Diese Entscheidung hat der dänische Investor zu treffen. Ein Standort am Meer in der Nähe eines Hafens, an dem Kohle angelandet werden kann, könnte für diesen Energieträger sprechen. Unabhängig vom konkreten Projekt in Lubmin benötigen Energieunternehmen enorme Vorlaufzeiten. Von der Planung über die Genehmigung bis zum Bau und Inbetriebnahme vergehen mehrere Jahre. Die Investitionsentscheidungen müssen in den nächsten zwei bis drei Jahren fallen, andernfalls bekommen wir wirklich ein Stromproblem. OZ: Windenergie an Land und vor der Küste in der Ostsee, neudeutsch Offshore, sind doch aber die zukunftsträchtigere, weil nachhaltigere Energieerzeugung, gerade in MV?

Kohler: Offshore muss im großen Stil kommen. Dort wird der Löwenanteil der Zuwächse an regenerativer Energie herkommen. Die Bundesregierung und wir gehen von 20 000 Megawatt installierter Leistung bis 2025 aus. Offshore-Strom können maximal 4000 Stunden im Jahr gewonnen werden. Das Jahr hat aber 8760 Stunden. Das heißt, um eine kontinuierliche Versorgung vor allem in der wichtigen Grundlast rund um die Uhr und an jedem Tag des Jahres zu gewährleisten, brauchen wir auch konventionelle Kraftwerke. Hinzu kommt, dass die Windenergie vor allem im Norden anfällt. Sie wird aber insbesondere im stärker industrialisierten und bevölkerungsreichen Westen und Süden Deutschlands gebraucht. OZ: Die Stromkonzerne sind nicht gerade euphorisch, wenn sie neue Stromleitungen bauen sollen.

Kohler: Ich mache mir in der Tat Sorgen darum, wie der Strom von der Ostsee- oder Nordseeküste abtransportiert werden kann. Wir brauchen dafür drei neue Strom- trassen, eine im Nordwesten, eine durch die Mitte Deutschlands und eine vom Nordosten in den Südosten, etwa von MV bis nach Thüringen und Bayern. Allen Bürgerinitiativen und Gemeinden, die den milliardenschweren Ausbau des Höchstspannungsnetzes blockieren, muss klar sein: damit wird die Umstellung auf eine klimafreundliche Stromerzeugung torpediert.

Interview: R. ZWEIGLER
Stephan Kohler (55) ist Chef der Deutschen-Energie-Agentur.