Das Ende des Öls – was nun?

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Ostsee-Zeitung l Wochenendausgabe, 31. Mai 2008 | Zeitgeschehen l 1242 Wörter
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Das Zeitalter des Erdöls ist so gut wie vorüber. Die Welt steht vor einer Energiewende gewaltigen Ausmaßes. Neue Ideen sind gefragt.


Die Preise für Benzin und Diesel scheinen nur noch eine Richtung zu kennen – nach oben. An den Zapfsäulen treibt es den Autofahrern die Tränen in die Augen. Doch das weltweite Angebot kann den Durst nach Öl kaum noch stillen. Die Ära des Öls geht zu Ende. Doch das ist nicht das Ende des menschlichen Fortschritts. Plötzlich lohnen sich alle möglichen Alternativen. Nie zuvor wurde so viel in Windkraft, Solarzellen und geothermischen Kraftwerken investiert. In diesem neuen „Energiekrieg“ hat der Westen einen strategischen Vorteil: Seine überragende Ingenieurskunst. Noch. „Der Westen hat einen großen Vorsprung bei alternativen Energiequellen. Unsere größten Konkurrenten auf dem Weltmarkt geraten ins Hintertreffen“, glaubt der US-amerikanische Konflikt- und Energieforscher Edward Chow. Und er geht weiter: „Das neue Motto lautet: Wenn wir die Scheichs nicht erobern können, ruinieren wir sie eben.“ Dabei gibt es keine Wunderwaffe. „Wir dürfen uns nicht mehr auf eine einzige Technologie oder Energiequelle konzentrieren“, mahnt Claude Mandil, ehemaliger Direktor der Internationalen Energie-Agentur. Die Zukunft liegt in einer Vernetzung vieler alternativer Energiesysteme. OZ stellt einige von diesen phantastischen Ideen vor.


Kernfusion
Können wir die Sonne nachahmen? Die gewinnt ihre Energie aus Kernfusionen. Dabei verschmelzen zwei Wasserstoffatome zu Helium und setzen riesige Mengen Energie frei. Ein Kernfusions-Meiler könnte im Vergleich zum Kernspaltungs-Kraftwerk mit weniger langlebigem radioaktivem Abfall große Mengen Strom liefern. Das soll in dem französischen Versuchsreaktor ITER gelingen. Bis jedoch eine kommerzielle Nutzung möglich ist, werden noch einige Jahrzehnte vergehen. Ein simpleres Verfahren ist die sogenannte Bläschen-Fusion im Kleinen. Dabei werden Flüssigkeiten mit Ultraschall bestrahlt. Die dabei entstehenden Nanobläschen zerfallen blitzschnell und erzeugen gewaltig viel Druck und Hitze, die einer Kernfusion gleichkommen. Erstmals soll einem US-Wissenschaftler um die Jahrtausendwende das Experiment gelungen sein. Allerdings schlugen nachfolgende Versuche fehl. Optimisten glauben dennoch, dass die Kernfusion zukünftig über 50 Prozent der Weltenergie liefern könnte.

Sonnen-Kraftwerke
Die Sonne stellt keine Rechnungen. Die japanische Weltraumagentur Jaxa weiß das. Sie plant Unglaubliches: Ein Super-Solarkraftwerk im Weltraum. Zwei riesige Spiegel, jeder fast neun Quadratkilometer groß, sollen Licht auf zwei Solarzellenfelder lenken – beide mit einem Durchmesser von 1,2 Kilometern. Eine Mikrowellen-Antenne von 1800 Metern überträgt die Energie zur Erde. „Das ist unsere einzige Option auf eine stabile und saubere Energieversorgung“, sagt Masahiro Mori von Jaxa. Das interstellare Kraftwerk soll 20 Mal mehr Energie als ein ähnlich großes Kraftwerk auf der Erde liefern. Doch auch auf dem blauen Planeten selbst gibt es große Zukunftspläne. Pro Jahr gehen 630 000 Terrawattstunden Sonnenenergie allein auf die Wüsten Nordafrikas und des Nahen Ostens nieder. Demgegenüber stehen 4000 Terrawattstunden, die ganz Europa gegenwärtig an Strom verbraucht. Die Lösung: Der Süden produziert Strom für den Norden. Parabol-Spiegel bündeln Sonnenlicht, erhitzen Wasser und der Dampf treibt Stromturbinen an. Das Problem: Afrika braucht Wasser. Erste Solarthermie-Kraftwerke sind in Kalifornien und Nevada in Betrieb. Und das ohne Probleme.

Noch heute ist die einstige Urhitze der Sonne in der Erdkruste gefangen. Geothermische Kraftwerke beginnen diese Energie zu nutzen. Neu ist das Hot-Dry-Rock-Verfahren. Dafür wird Wasser mit Hochdruck ins heiße Tiefengestein gepresst, erhitzt sich dort und wird wieder hochgepumpt, wo es Kraftwerke antreibt. Weltweit könnten so 20 Prozent des Energiebedarfs gedeckt werden.


Elektro- und Wasserstoffautos
Das Auto als Benzinfresser ist out. Ob Biosprit eine echte Alternative ist, wird angesichts der steigenden Lebensmittelpreise immer fraglicher. Die Alternative: der Elektromotor. Er setzt im Gegensatz zum Verbrennungsmotor (Wirkungsgrad knapp 40 Prozent) fast die gesamte Energie in Bewegung um – so wie die Superschnellzüge ICE oder TGV es schon vormachen. Hybrid-Autos, die Elektro- und Verbrennungsmotor koppeln, sind ein Übergang. Der Schwachpunkt sind die Akkus. Doch die Lösung ist simpel: Die meisten Kraftwerke produzieren vor allem in der Nacht Überkapazitäten. Wenn man nun Tausende von Elektroautos mit ihren Akkus als Zwischenspeicher nutzt, indem man sie am Abend mit Energie vollpumpt, um am Morgen zur Arbeit zu fahren, könnten sie am Mittag einen Teil ihres Stroms wieder ans Netz abgeben. Eine Computersteuerung sorgt dafür, dass die Batterie nie leer ist. Verbraucher und Erzeuger werden vernetzt. Energie fließt in beide Richtungen.

Auf Wasserstoff-Autos ruht schon lange die Hoffnung der Menschheit. Den Pkw einfach mit Wasser fahren! Genial, aber noch kompliziert. Schon 1982 hatte BMW einen „3er" mit Wasserstoffantrieb im Testbetrieb. Das Prinzip: Wasserstoff erzeugt Strom in einer Brennstoffzelle und treibt einen E-Motor an. Allerdings lässt sich Wasserstoff schlecht speichern. Züricher Forscher gehen jetzt einen neuen Weg: Sie setzen Zink ein. Das Metall setzt Wasserstoff frei, wenn es mit Wasser reagiert. Einziger Abfallstoff ist Zinkoxid, was wiederum zu reinem Zink wird, wenn es mit Sonnenenergie erhitzt wird. Der Forscher-Logik zufolge könnten wir unsere Autos bald mit Zink und Wasser tanken!

Windspeicher
Die Windkraft boomt. Doch sie hat einen entscheidenden Nachteil: Der Wind weht unregelmäßig. Wie lässt sich Energie aus windreichen Zeiten für Flauten speichern? Die US-Amerikaner sind dabei, das Problem zu lösen. Bei Spitzenwinden wird über einen Kompressor Luft in eine Sandsteinschicht gepumpt. Diese Druckluft kann man dann wieder abziehen, indem Generatoren oder Turbinen gespeist werden. Prognose: Mit dieser Technik könnte 33 Prozent des Weltsstroms geliefert werden.


Körperenergie
Nichts liegt näher als die Nutzung der eigenen Körperwärme. Nur wie fängt man sie ein? Einen raffinierten Ansatz verfolgt das Technologie-Institut im US-Staat Georgia. Winzige Nanodrähte produzieren Strom, solbald sie durch den Körper bewegt werden. Deutsche Forscher des Fraunhofer-Instituts in Erlangen setzen auf den thermoelektrischen Effekt. Körperwärme wird direkt in Strom umgewandelt, um etwa Handys oder MP3-Player zu betreiben. „So können wir ganze elektronische Systeme bauen, die keine interne Batterie benötigen“, ist Fraunhof-Forscher Peter Spies überzeugt. Jeder wird so zu einem Mini-Kraftwerk.


Mikroben
Bio-Kraftstoffe sind auf dem Vormarsch, bedrohen aber die Ernährungsgrundlage von Millionen Menschen. Eine kalifornische Firma hat nun Mikroben dazu gebracht, pure Kohlenwasserstoffe zu produzieren – also Erdöl. Die Forscher bauten dazu die Zellorgane der Einzeller um. Wo sie sonst Fette produzierten, entsteht Sprit. Dazu werden die Mini-Wesen derzeit noch mit Zucker gefüttert, sollen aber bald alle möglichen Pflanzenreste verdauen. Die Wissenschaftler glauben daran, dass Mikroben in Zukunft 15 Prozent des konventionellen Erdöls ersetzen könnten.


Energiesparen
Eine neue Geschäftsidee präsentiert das US-Unternehmen ConsumerPowerline. Es verkauft eingesparte Energie – etwa von Kaufhäusern oder Krankenhäusern. Und das funktioniert so: Energiewerke müssen in Spitzenlastzeiten ihre Kraftwerke schnell hochfahren. Das ist kostspielig. ConsumerPowerline mailt dann Unternehmen an, ihre Energie zudrosseln. Dafür bekommen sie Geld von ConsumerPowerline, das sich wiederum von den Kraftwerken bezahlen lässt. Inzwischen hat die Firma auch weit über 100 000 Privathaushalte unter Vertrag.


Methaneis
Das Gaskondensat aus Methan und gefrorenem Wasser wurde erstmals 1971 im Schwarzen Meer entdeckt. Das Methanhydrat bildet sich in überraschend großer Menge an den Kontinentalabhängen, wo der Druck enorm hoch ist. Bei geschätzten zwölf Billionen Tonnen ist in Methaneis möglicherweise mehr als doppelt so viel Kohlenstoff gebunden wie in allen Erdöl-, Erdgas- und Kohlevorräten der Welt. Die Spekulationen gehen weit auseinander – Fakt aber ist: Methaneis könnte der Treibstoff des 21. Jahrhunderts werden.

JENS BURMEISTER