Forscher gewinnen Biosprit aus Algen

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Ostsee-Zeitung l Montag, 16. Juni 2008 | Mecklenburg-Vorpommern l 599 Wörter
Forscher gewinnen Biosprit aus Algen

CO2 ist nicht nur ein Klimakiller, sondern kann auch wertvoller Rohstoff sein. Wissenschaftler arbeiten daran, dass Algen das umweltschädliche Gas binden und dabei Kraftstoff entsteht.

Rostock/Greifswald (OZ) Forscher der Universitäten Greifswald und Rostock wollen Algen einsetzen, um den Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid spürbar zu senken. Gleichzeitig würden die Wasserpflänzchen dabei Biosprit produzieren. Was noch völlig utopisch klingt, könnte schon bald Wirklichkeit werden.

Ein Hektar Algenkultur kann pro Jahr 400 Tonnen CO2 aufnehmen. Damit übertreffen Algen ertragreichere Landpflanzen bei weitem. Zum Vergleich: Ein Hektar Raps bindet lediglich 6,7
Tonnen des gefährlichen Treibhausgases. Diese Zahlen gehen aus der Antwort der Universität Greifswald auf eine Anfrage des Wirtschaftsausschusses im Landtag hervor. Weiterhin heißt es in dem Schreiben: „Bei einer konsequenten Weiterentwicklung dieser Technologien könnte sich Mecklenburg-Vorpommern an die Spitze einer weltweiten Entwicklung setzen und damit neue Märkte erschließen.“ Die Pläne beflügeln einmal mehr den Traum der großen Energiekonzerne vom CO2-freien Kraftwerk. „Bei denen steht das Thema Algen ganz oben auf der Agenda“, sagt der Rostocker Biologe Professor Ulf Karsten. Zwar können fast alle Algenarten CO2 aufnehmen, Karsten sucht jedoch als einer der wenigen Wissenschaftler in Deutschland nach der wirklich perfekten Art. Sie soll möglichst große Mengen des Klimakillers unschädlich machen und zugleich so viel Biomasse wie möglich produzieren. „Wir messen hier in Rostock praktisch die Leistungsfähigkeit der Algen“, sagt Karsten. Von einer Million Arten werden erst 30 für industrielle Zwecke eingesetzt.

Technisch läuft die CO2-Vernichtung in einem sogenannten Bioreaktor ab, der von den Abgasen eines Gas- oder Kohlekraftwerkes durchströmt wird. In Miniaturformat steht so eine Anlage an der Universität Greifswald. Luftblasen sprudeln durch die grüne, wässrige Algenlösung, wirken wie Dünger und werden von den Algen gierig verbraucht. Die Mikroorganismen vermehren sich kräftig. Überschüssige Algen werden abgetrennt und als Biomasse weiterverarbeitet. Der Fettanteil zu Biodiesel, die Kohlenhydrate zu Ethanol. Experten schätzen, dass sich aus einem Hektar Mikroalgen bis zu 10 000 Liter Biodiesel gewinnen lassen. Raps kommt hier gerade auf 1800 Liter. Auch in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie finden die abgetrennten Algen breite Anwendung.

Weiterer Pluspunkt: Im Gegensatz zu anderen Energiepflanzen sind die Mikroalgen nicht auf Ackerböden angewiesen. Bioreaktoren können in gewächshausähnlichen Hallen auch auf Flächen aufgestellt werden, die für die Landwirtschaft ungeeignet sind.

Trotz all der Vorzüge ist unklar, ob die Algen den Kohlendioxid-Ausstoß großer Kraftwerke massiv senken können. „Das liegt am immensen Flächenbedarf dieser Technologie“, sagt Ulrike Lindequist, Professorin für Pharmazeutische Biologie in Greifswald. Würde man die gesamten CO2-Abgase des geplanten Dong-Kohlekraftwerkes in Lubmin einfangen – für die zehn Millionen Tonnen pro Jahr wären Algenkulturen auf einer Fläche so groß wie ganz Rostock nötig. Lindequist prognostiziert, dass höchstens zehn Prozent der Emissionen eines Großkraftwerkes von den Algen verzehrt werden könnten. Ihr Rostocker Kollege Karsten betont: „Das Verfahren wäre ein Baustein in einem Gesamtkonzept zur Verminderung des Klimawandels. „Ich kann mir vorstellen, dass es in etwa fünf Jahren anwendbar ist“, schätzt der 47-Jährige.

Der dänische Stromkonzern Dong Energy, der in Lubmin ein Kohlekraftwerk mit einer Leistung von 1600 Megawatt plant, hat die Forschungsergebnisse aus MV bereits registriert. Nach Angaben von Konzernsprecher Michael Deutschbein habe es zwischen den Universitäten und Dong bereits erste Gespräche gegeben.

Auch auf landespolitischer Ebene stoßen die vielseitigen Algen auf Interesse. Sebastian Ratjen, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, fordert von Energiekonzernen wie Dong Energy mehr Unterstützung für notwendige Forschungsaufgaben in genau diesem Bereich. Ratjen: „Wir müssen aufhören, Kohlendioxid nur als Abfallprodukt zu sehen. Sinnvoll genutzt, kann es auch als Rohstoff verwendet werden.“

BENJAMIN FISCHER