Gefahr in der Ostsee

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Ostsee-Zeitung l  Donnerstag, 28. August 2008 | Mecklenburg-Vorpommern
Muscheln, Krebse und Bakterien - Schiffe schleppen exotische Lebewesen ein 

Gefahr in der Ostsee

Wissenschaftler beobachten in der Ostsee ständig neue Lebensformen. Einige sind bedrohlich. Experten fürchten Artenschwund und Krankheiten.

Rostock (OZ) Sie sind klein, seltsam – und teilweise auch gefährlich: Fremde, in die Ostsee eingeschleppte Organismen. „Durch das Ballastwasser von Überseeschiffen kommen sie zu uns“, weiß Rolf von Ostrowski vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg. Für Badegäste unter Umständen durchaus ein Risikofaktor. Von Ostrowski: „Stellen Sie sich vor, ein Schiff nimmt am Amazonas mit dem Ballastwasser Choleraerreger auf und lässt es hier ab. Was dann?“ Neuartige Systeme sollen nun das Ballastwasser von verdächtigen Stoffen reinigen. Noch aber ist das nicht verbindlich vorgeschrieben. Selbst die UN-Tochterorganisation IMO (International Maritime Organization) schaltete sich deshalb schon ein. Und ließ eigens eine Konvention ausarbeiten. Darin steht: Spätestens 2016 sollen die neuen Reinigungssysteme auf Schiffen Pflicht sein. Und schon ab 2009 soll nahe einer Küste (bis zu 200 Seemeilen entfernt) und in flachen Gewässern (unter 200 Meter Tiefe) kein Ballasttank mehr geleert werden. Was bedeuten würde, dass in Nord- und Ostsee der Ballastwasser-Wechsel praktisch verboten ist. Einziges Problem: Die Konvention ist noch nicht unterzeichnet. „Bis alle beteiligten Staaten unterschrieben haben, können noch Jahre vergehen“, vermutet von Ostrowski. Und solange darf jeder sein Ballastwasser entsorgen, wo er will. Fakt ist unterdessen: Mit dem wachsenden Schiffsverkehr hat die Bedrohung durch fremde Lebensformen deutlich zugenommen. Allein in den deutschen Meeresgebieten von Nord- und Ostsee werden pro Jahr etwa 20 Millionen Tonnen Ballastwasser abgelassen. „Mitreisende“ können Muscheln, kleine Fische und Krebse sein, Pilze, Algen und Plankton – aber eben auch Bakterien. Meeresbiologen haben errechnet, dass pro Sekunde etwa 70 exotische Meeresbewohnner an deutsche Küsten gelangen. Eine Folge der Globalisierung. Die Klimaerwärmung tut ein Übriges. Sie hilft den Exoten, in unseren Breiten zu überleben. Insgesamt mehr als 30 neue Arten sind in den letzten Jahrzehnten in Nord- und Ostsee heimisch geworden. Einige Umweltschützer sehen darin ein Risiko. Sie fürchten die Zerstörung der bestehenden Lebensgemeinschaften, genetische Beeinflussung und die Einführung von Krankheiten und Parasiten. 
Unheimlichstes Beispiel ist die Rippenqualle (Mnemiopsis leidyi), deren fortschreitende Invasion seit 2006 beobachtet wird. Auch sie wurde durch Ballastwasser eingeschleppt. Von der Kieler Förde breitete sie sich über die Ostsee aus. 
„Die Rippenqualle ernährt sich unter anderem von Heringslaich“, sorgt sich Arndt Müller vom Landesverband MV der Naturschutzorganisation BUND. Auch für Larven von Dorsch, Flunder und Sprotte stelle sie eine Gefahr dar. „Sollte der Bestand der Rippenqualle, speziell im Bereich der Heringslaichgründe am Greifswalder Bodden, weiter anwachsen, wäre das sehr bedenklich.“ Auch finanziell. Im Schwarzen und Kaspischen Meer hatte die Rippenqualle innerhalb weniger Jahre die Fischproduktion zusammenbrechen lassen. Ein anderer Einwanderer, der seit 1993 in der Ostsee lebende Schiffsbohrwurm, hat bereits Schäden von rund 50 Millionen Euro verursacht. Meeresforscher Lutz Postel vom Institut für Ostseeforschung Warnemünde dagegen sieht keinen Grund zur Panik. „Solche Einwanderer, sogenannte Neozoen, gibt es schon immer. Meist sind es Kleinstlebewesen, die unsere Fauna nicht weiter beeinträchtigen.“ Schon seit den Dreißiger Jahren sei beispielsweise ein winziger „Hüpferling“ (Acartia tonsa) aus dem Atlantik in hiesigen Gewässern heimisch. Gewiss, so Postel, gebe es zwischen neuen und alten Ostsee-Bewohnern auch Konkurrenz: Ein in den 80ern von Amerika eingeschleppter Vielborstenwurm etwa habe eine heimische Art in weiten Teilen schon verdrängt. Der aus dem kaspischen Raum zugewanderte, räuberischer Wasserfloh Cercopages fresse den Sprotten Nahrung weg. Bisher allerdings alles ohne erkennbare, schlimme Folgen. Eine Gefahr für den Menschen sieht Meeresbiologe Postel nicht. 
„Meist sind die Ökosysteme in der Lage, auf solche zugewanderten Arten zu reagieren“, schränkt auch Naturschützer Müller ein. „Auffällige Arten bemerken wir“, beruhigt Postel. Die Forscher beobachten die Ostsee ständig. Für alle Fälle. 

MARCUS STĂ–CKLIN