HINTERGRUND Eiskalter Ritt in der Arktis

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Ostsee-Zeitung l Mittwoch, 24. Dezember 2008 | Aus aller Welt l 598 Wörter
HINTERGRUND Eiskalter Ritt in der Arktis

Er ist der coolste Deutsche: Florian Jung (25) surfte bei eisigen Temperaturen in der Arktis – um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.

In der nördlichsten Provinz Amerikas ist Windsurfen so bekannt wie Skifahren auf Hawaii. Keine Palmen weit und breit, keine Bikini-Girls. Dennoch: Die Idee, die eisigen Gewässer vor Alaska als Surfrevier zu erkunden, hatte Florian Jung schon lange gereizt. Nur an Mut hatte es bislang gefehlt. Denn der 25-Jährige weiß: Ein Ausflug mit dem Surfbrett in diese Region kann schnell das Leben kosten. Zu fremd sind die Strömungen dort, ohne Vorwarnungen brechen plötzlich haushohe Eisberge ab, detonieren mit lautem Knall auf dem Wasser. Eine Wette führte letztlich dann aber doch zu Jungs Sinneswandel.

Seinem Weltcupkollegen Josh Stone gegenüber hatte sich der Surfprofi aus dem Saarland verquatscht und Alaska als sein Ziel angegeben: „Das hältst du keine zwei Minuten aus da oben“, provozierte Stone. Jung hielt leichtsinnig dagegen und setzte sein Surfmobil, einen 1972er-VW-Bus, als Wetteinsatz dagegen – und das Alaska-Projekt war geboren. Noch nie zuvor hatte sich ein Weltklassewindsurfer in dieses Revier gewagt. Zu kalt, zu gefährlich. In 80 Tagen um die Welt war gestern. Heutzutage erreichen Männerwetten neue Dimensionen.

Vor allem die Wassertemperatur machte Jung, der eigentlich viel lieber im warmen Meer vor Hawaii surft, zu schaffen: „Mit Windchillfaktor sind es minus acht Grad“, erklärt der 25-Jährige. Die schneidende Kälte kann Muskeln erstarren lassen. Und noch eine Gefahr drohte: „Vor mir erhob sich die 100 Meter hohe Eiswand. Ich hörte es donnern und wusste: Wenn jetzt ein Eisblock vor mir ins Meer stürzt, war’s das. Die Eisschollen können einen mit in die Tiefe reißen oder wie eine Orange zerquetschen.“ Treibende Eisschollen zwangen ihn schließlich auch zu einem spektakulären Wendemanöver. „Trotzdem kollidierte ich mit einem Eisbrocken, fiel insWasser. Ich dachte, mein Herz bleibt stehen.“ Nach vier endlosen Minuten konnte Florian Jung auf eine Eisscholle klettern, ließ sich von einem Rettungsboot an Land bringen. Wette gewonnen. Auf der Suche nach einem neuen, heftigeren Nervenkitzel hat Florian Jung längst alle gängigen Surfreviere abgegrast. Es gibt kaum eine Bucht, die der drahtige Wassersportler noch nicht mit seinem Brett erforscht hätte, vor seiner Wahlheimat Hawaii kennt er jede Strömung. Jung sieht sich als Pionier seiner Sportart, als einen, der immer wieder mit noch spektakuläreren Tricks überraschen muss. Doch vor allem verspürt er den Ehrgeiz, der Erste zu sein, der ungewöhnliche Reviere absurft. Er ist ein Abenteurer mit Surfboard und buntem Segel, der als 17-Jähriger schon zehn Meter hohe Wellen nahm und sich am Adrenalinausstoß berauschte. Nach dem Ausflug in die Arktis trägt sich der Mädchenschwarm schon längst wieder mit neuen Plänen. Doch jetzt erst einmal ist Weihnachten. Die Feiertage will Florian Jung zu Hause in Deutschland verbringen. „Um die Batterien aufzutanken.“ Aber was dem Profi-Sportler wichtiger ist: „Ich wollte mit der Aktion in der Arktis ein Zeichen gegen die dramatischen Folgen des Klimawandels setzen. Das ist mir hoffentlich gelungen.“
Arktis
So warm war es noch nie – der Klimawandel nimmt in der Arktis dramatische Ausmaße an: Die Temperaturen liegen zurzeit um fünf Grad Celsius über dem Normalwert. Die Schmelze der Eisberge erreichte im vergangenen Jahr einen Rekordwert, für dieses Jahr rechnen Wissenschaftler mit dem zweithöchsten Wert seit Beginn der Messungen. Das veränderte Klima beeinflusst das sensible Ökosystem der Region. In der Tierwelt werden die Rentierherden kleiner, während die Zahl der Gänse zunimmt, weil sich ihr Lebensraum erweitert. Wachsende Sorge gibt es um die Eisbären in der Arktis, deren Lebensraum verschwindet.