Rennen um Kraftwerke in Lubmin hat begonnen

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Ostsee-Zeitung l Mittwoch, 08. April 2009 | Wirtschaft
Rennen um Kraftwerke in Lubmin hat begonnen

Der Energiekonzern EnBW verhandelt mit Behörden in MV. Auch E.on und Gazprom drängen auf eine Entscheidung.

Lubmin (OZ) Am Industriestandort Lubmin hat ein Rennen um die Genehmigung für den Bau von Kohle- und Gaskraftwerken begonnen. Nach dem dänischen Energiekonzern Dong Energy, der in Lubmin ein 1600-Megawatt-Steinkohlekraftwerk errichten will, strebt jetzt der Energiekonzern EnBW eine finale Genehmigung für den Bau eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks an. Der baden-württembergische Energiekonzern, der sich bereits 2001 ein zehn Hektar großes Grundstück in Lubmin gesichert hatte, ist seit sechs Jahren im Besitz einer Teilgenehmigung für den Bau eines 1200-Megawatt-Kraftwerks am Greifswalder Bodden. Danach hatten die Süddeutschen das Verfahren jedoch nicht weiter forciert. Gestern berieten nun der Investor und Vertreter der Genehmigungsbehörden hinter verschlossenen Türen über den Fortgang des Verfahrens. „Wir müssen Gutachten aktualisieren.“

Zudem habe sich die Gesetzeslage im Naturschutz seit 2003 verändert, begründete Konzernsprecher Ulrich Schröder das dem Genehmigungsverfahren vorgeschaltete Treffen. Außerdem beabsichtigt EnBW aufgrund der inzwischen verbesserten Leistungsfähigkeit der Turbinen, die Kraftwerksleistung um rund 150 auf 1350 Megawatt zu erhöhen. Der Energiekonzern strebt eigenen Angaben zufolge die Genehmigung für 2010 an. In jenem Jahr will auch Nord Stream mit dem Bau der 1200 Kilometer langen Ostseepipeline nach Lubmin beginnen. Gerade die Trasse, durch die von 2011 an das erste russische Gas nach Lubmin gepumpt werden soll, macht den früheren Atomstandort für die Gaskraftwerksinteressenten besonders attraktiv. Während Dong Energy und EnBW noch im Genehmigungsmarathon stecken, liegt für das dritte Kraftwerksprojekt, ein 1200-Megawatt-Gaskraftwerk der Energiekonzerne E.on und Gazprom bereits eine Errichtungsgenehmigung vor. Die Energiekonzerne – beide mit 51 (Gazprom) und 20 Prozent (E.on) auch Anteilseigner am Nord Stream-Konsortium – hatten 2008 das Projekt von der Firma Concord Power übernommen. Die Erbauer dieses Gaskraftwerks stehen quasi in den Startlöchern und warten nur noch auf eine positive Genehmigung für den Bau der Erdgastrasse. „Die endgültige Investitionsentscheidung steht im direkten Zusammenhang mit dem Erhalt der Genehmigungen und dem Baubeginn der Nord Stream-Pipeline“, teilte E.on-Konzernsprecher Adrian Schaffranietz mit. Im Gegensatz dazu macht EnBW seine Investitionsentscheidung für Lubmin neben der Voraussetzung eines positiven Amtsbescheides von einer zweiten Bedingung abhängig: „Wir brauchen neben der Genehmigung auch langfristige und wirtschaftlich darstellbare Gaslieferverträge“, sagte EnBW-Sprecher Schröder. Ob EnBW über Gas aus der Nord Stream-Trasse verhandelt, wollte Schröder nicht sagen. Umweltverbände wie der BUND kritisieren den Run auf den Standort Lubmin; zum einen wegen der Multibelastung des Greifswalder Boddens, zum anderen auch wegen des Kohlendioxid-Ausstoßes der allesamt auf fossilen Brennstoffen basierenden Anlagen von insgesamt 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Insgesamt 451 000 Kubikmeter mit um bis zu 8 Grad Kelvin wärmebelastetes Wasser pro Stunde würden alle drei Kraftwerke in den Bodden leiten. „Unsere Kritikpunkte an dem Gaskraftwerksprojekt decken sich mit den Beanstandungen am Dong-Projekt und dem ersten Gas-Kraftwerk“, kündigte BUND-Naturschutzreferent Arndt Müller bereits jetzt Widerstand an. Die Frage, wer kommt als Erster, ist vor allem für die Investoren interessant. Wenn Dong, dessen Genehmigungsverfahren als weiter fortgeschritten gilt, die Obergrenze der Belastbarkeit erreicht, dürfte eine Genehmigung für EnBW schwierig werden. Für die Bauwirtschaft kämen die insgesamt 4,3 Milliarden Euro schweren Investitionen hingegen einem zusätzlichen Konjunkturpaket gleich: Mit 400 bis 600 Arbeitsplätzen in der rund dreijährigen Bauphase rechnet allein EnBW. Dong Energy geht von 1000 Arbeitsplätzen in vier Jahren Bau aus. Für die Genehmigungsbehörde, das StAUN, steht bereits jetzt fest, dass im weiteren EnBW-Genehmigungsverfahren die Umweltverträglichkeitsuntersuchungen überarbeitet werden müssen. 

MARTINA RATHKE