Sozialagentur hat Illusionen

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Ostsee-Zeitung | Dienstag, 30. Dezember 2008 | Ostvorpommern

Sozialagentur spricht mit Dong


Ostvorpommern Kurt Rabe, Leiter der Sozialagentur Ostvorpommern, spricht sich für den von Dong Energy geplanten Bau eines Steinkohlekraftwerkes bei Lubmin aus. „Die beabsichtigte Zwei-Milliarden-Euro-Investition kann sich auf alle Wirtschaftszweige der Region nur positiv auswirken“, ist er sicher. „Hunderte Arbeitsplätze werden durch die Investition gebunden.“ Auch für die Bevölkerungsstruktur liefere das Kraftwerk einen positiven Impuls. Der Zuzug junger Leute wäre programmiert. „Und deren Kinder benötigen etwa ein Gymnasium“, sagte Rabe in Anspielung auf den aus Mangel an Schülern bedrohten Gymnasialstandort Wolgast.

Anfang Dezember saß Rabe mit dem Vertretern des dänischen Unternehmens zusammen, um über den Arbeitskräftebedarf zu reden, der im Zusammenhang mit dem Kraftwerksbau zu erwarten ist. Während der Bauphase werden laut Dong bis zu 1500 Personen beschäftigt. Mit der für 2013 vorgesehenen Inbetriebnahme würden Kraftwerker, Kranführer, Raupenfahrer sowie diverse Servicedienstleistungen von Subunternehmen benötigt, die z.B. Wachschutzpersonal, Lageristen oder Reinigungskräfte beschäftigen.

„Wir rechnen uns gute Chancen für unsere Kunden aus, dort Arbeitsplätze besetzen zu können“, meint Rabe. Folgerichtig sei es, rechtzeitig benötigtes Personal für einen Einsatz vorzubereiten. Auch suche die Sozialagentur den Kontakt zu den Firmen, die sich bereits am Standort befinden oder sich dort noch ansiedeln. „Ab dem ersten Quartal 2009 werden wir in Lubmin als Agentur zeitweise Sprechstunden abhalten beziehungsweise ein bis zwei Leute dort platzieren“, so Rabe.

Mit der Bilanz der Sozialagentur für 2008 zeigte sich deren Leiter zufrieden. „Wirtschaftsprobleme und die Finanzkrise spiegeln sich bei uns zurzeit noch nicht wider“, sagte er gestern. Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften liege erstmals in einem Dezember unter 10 000 und die Zahl der Alg-II-Empfänger betrage zurzeit 14 373. 3122 Eintritte in den ersten Arbeitsmarkt verzeichnete die Agentur in diesem Jahr. T. S.


Man fragt sich, wie ein „Beamter“ so schlecht informiert sein kann, wenn er sich zu einem bestimmten Thema äußert. Aufmerksam die Lokalpresse lesen, hätte in dem Fall schon genügt, um über den Stand der Dinge in Sachen Dong Bescheid zu wissen und die mit dem Projekt verbundenen Risiken zu verinnerlichen. Dass allerdings T.S. seitens der OZ bei Herrn Rabe nicht kritisch nachgefragt hat, ist genau so eine schwache Leistung!

Ein Leserbrief von Eberhard Meißner klärt auf (OZ Greifswald, 6.1.09):

Der Leiter der Sozialagentur Kurt Rabe verfügt über erhebliche Informationsdefizite. Wie könnte er sonst behaupten, der Bau des Kohlekraftwerkes würde sich auf alle Wirtschaftszweige der Region nur positiv auswirken? Im Wirtschaftszweig Tourismus werden nicht nur 8.000 Arbeitsplätze vernichtet, sondern auch zahlreiche Existenzen. Weil DONG mit einer Dreckschleuder andere Dreckschleudern vom Markt verdrängen will, würden in der deutschen Stromerzeugung 600 direkte Arbeitsplätze in Kraftwerken und der Kohleförderung und –transport vernichtet und darüber hinaus im Reparatur- und Dienstleistungssektor nochmals ca. 2000. In Mecklenburg-Vorpommern sind bereits 1600 Leute mit erneuerbaren Energien beschäftigt. Mindestens die Hälfte davon müsste um ihren Arbeitsplatz bangen, würde das Kohlekraftwerk gebaut. Durch die Regelungen der Kraftwerks-Netzanschlussverordnung würde die Einspeisung aus erneuerbaren Energien ausgebremst.

In der Errichtungsphase kämen fast ausschließlich ausländische Bau- und Montagearbeiter zum Einsatz. Diese werden in Wohncontainern auf oder neben der Baustelle untergebracht. Das Gastgewerbe und private Vermieter in Lubmin profitieren nicht davon.

DONG beansprucht eine Fläche, die so groß ist, wie 50 Fußballfelder. Auf dieser voll erschlossenen Gewerbefläche könnten Betriebe mit umweltverträglicher Produktion und 4.000 Beschäftigten angesiedelt werden. Einzelheiten dazu können hier nachgelesen werden:

http://www.kein-kohlekraftwerk-lubmin.info/images/bi-alle/docs/%C3%96ffentliches%20Interesse%20CD-version%20081027.pdf

Herr Rabe hat seine Erkenntnisse im Erörterungsverfahren nicht dargelegt und hat sich offenbar auch keinen Überblick über den gegenwärtigen Stand des Genehmigungsverfahrens und die Chancen einer Genehmigungsfähigkeit verschafft. Und die OZ verkneift sich Nachfragen. Schade.