Trotz Dong-Absage 925 neue Jobs in Lubmin

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Ostsee-Zeitung l Dienstag, 15.12.2009
Trotz Dong-Absage: 925 neue Jobs in Lubmin

50 Firmen siedelten sich bereits auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerkes bei Greifswald an. Jedoch keine neuen Kraftwerke – obwohl lange geplant. Von ELKE EHLERS Greifswald (OZ) Natürlich –Dieter Rittscher ist enttäuscht darüber, dass der dänische Konzern Dong Energy aus dem Kohlekraftwerk- Projekt in Lubmin aussteigt. Der Chef der Energiewerke Nord (EWN) müht sich seit 15 Jahren, parallel zum Rückbau des stillgelegten Kernkraftwerkes am Greifswalder Bodden auf dem Gelände neue Firmen anzusiedeln. 50 Unternehmen gibt es bereits – mit zusammen 925 Mitarbeitern. Rittscher: „Eins ging aus dem Bauhof des Kernkraftwerks hervor, alles andere sind Neuansiedlungen. Für die großen Vorhaben im Energiesektor – zwei Gas- sowie das umstrittene Steinkohlekraftwerk – ist ein Produktionsstart jedoch nicht absehbar. EWN und das benachbarte Atommüll-Zwischenlager haben in Lubmin sowie an anderen Altlastenstandorten noch rund 950 Mitarbeiter. Zu den wichtigsten Neuansiedlungen auf dem 130 Hektar großen Gelände gehört der österreichische Liebherr-Konzern, der in einer 500 Meter langen Halle, einem Teil des KKW-Maschinenhauses, seit drei Jahren Kräne baut. Die EEWErndtebrücker Eisenwerke produzieren in Lubmin seit 2009 Rohre für Offshore- Windanlagen – übrigens im Auftrag von Dong Energy. In ihrem „Schlepptau“ siedelten sich mehrere Zulieferer an, darunter die Bremerhavener Firma Weserwind. Die baut derzeit eine 4000 Quadratmeter große Halle, in der ab Januar ebenfalls Windanlagen-Teile hergestellt werden sollen. „Wir investieren drei Millionen Euro und stellen 40 Leute ein“, so Weserwind-Geschäftsführer Dirk Kassen. In Bezug auf das Steinkohlekraftwerk ändert sich für Rittscher „rein formal“ erst einmal nichts: „Wir haben einen Vertrag mit der Dong Energy Kraftwerke Greifswald GmbH & Co. KG, zu der gehören neben den Dänen weitere Gesellschafter.“ Diese hätten sich noch nicht dazu geäußert, was mit dem für das Kraftwerk vorgesehenen Grundstück nun geschehen solle. Der dänische Staatskonzern hält 74,9 Prozent an der Projektträgergesellschaft, die die 2,3 Milliarden-Investition vorbereitet hatte. 25,1 Prozent liegen bei der WV Energie AG Frankfurt/ Main, an der neben der Wintershall AG mehrere kommunale Versorgungsunternehmen beteiligt sind, darunter Stadtwerke in Berlin und München. „Die Dong-Entscheidung hat uns überrascht“, sagte gestern der WV Energie AG-Generalbevollmächtigte für das Projekt Lubmin, Albert Schön. „Unsere Gesellschafter müssen sich erst über das weitere Vorgehen verständigen.“ Anfang nächster Woche werde bekannt gegeben, ob das Projekt möglicherweise mit einem neuen Großinvestor fortgeführt werde. Nach Auffassung der Vereinigung der Unternehmensverbände in MV sei es schwierig, einen vergleichbaren Investor zu finden, erklärte dessen Präsident Hans-Dieter Bremer. Zumal sich das Kohle-Projekt durch den Zukaufzwang vonCO2-Zertifikaten „betriebswirtschaftlich problematisch“ entwickelt habe. Das Genehmigungsverfahren am Staatlichen Amt für Umwelt und Natur (StAUN) Stralsund wird jedoch noch nicht eingestellt. „Dazu muss der Genehmigungsantrag zurückgezogen werden. Und das ist bisher nicht erfolgt“, so Marion Zinke, Sprecherin des Schweriner Umweltministeriums. Zum Baubeginn der lange geplanten Gaskraftwerke wagt Ritscher keine Prognose. „Da lag ich schon zu oft daneben.“

Lietz (CDU): Sellering trägt Mitschuld am Scheitern des Kraftwerks

Schwerin (OZ) Der überraschende Rückzug des dänischen Energie-Konzerns Dong Energy löst ein politisches Nachbeben in Schwerin aus. Nach dem Scheitern des 2,3 Milliarden Euro teuren, umstrittenen Steinkohlekraftwerks in Lubmin sorgen sich Vertreter von CDU und FDP um das Investitionsklima amWirtschaftsstandort Mecklenburg- Vorpommern. „Wir brauchen nicht laufend neue Energiekonzepte. Wir brauchen dringend Investoren, die das Land voranbringen“, ätzte CDU-Fraktionschef Harry Glawe in Richtung Koalitionspartner SPD. Nach Ansicht Glawes hat das Land zum wiederholten Male eine Großinvestition verpasst. Nach dem Rückzug Dongs müssten alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, dass die ebenfalls für Lubmin geplanten Gaskraftwerke dort errichtet werden. In Lubmin wird die Erdgasleitung Nordstream aus Russland anlanden. Lubmin sei ein Energiestandort erster Güte, so Glawe. Der Greifswalder CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Lietz sieht die Hauptverantwortung für das Scheitern derGroßinvestition bei Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). „Als Mensch ein bisschen dagegen, als Regierungschef ein bisschen dafür: Sellerings Wankelmut und das zähe Genehmigungsverfahren haben Dong mürbe gemacht“, sagte Lietz der OZ.Der Rückzug des dänischen Investors bedeute einen Rückschritt für Vorpommern. „Das Investitionsklima ist vergiftet. Das Kraftwerk hätte wie ein Magnet weitere Jobs in die strukturschwache Region gebracht. Diese Chance ist vertan.“ Am Freitag hatte der halbstaatliche Energiekonzern Dong erklärt, den Bau eines Kohlekraftwerkes am Standort des früheren DDR-Kernkraftwerkes Lubmin nicht weiter zu verfolgen. Als Grund wurde mangelnde politische Unterstützung genannt. Das hatte Sellering zurückgewiesen. Laut FDP-Fraktionschef Michael Roolf war das Kohlekraftwerk von der SPD politisch nicht gewollt. „Wir müssen prüfen, ob Dong je eine faire Chance hatte!“, sagte Roolf. Seine Fraktionskollegin Sigrun Reese warf der SPD mangelnde Verlässlichkeit in der Energiepolitik vor. „Es wäre gut, wenn die Menschen und Unternehmen unseres Landes endlich wüssten, woran sie sind.“

J. KÖPKE Stralsund/Sassnitz (OZ)