Wirtschaft im Norden warnt vor Energie-Engpass

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Ostsee-Zeitung l Mittwoch, 18. Februar 2009 | Wirtschaft
Wirtschaft im Norden warnt vor Energie-Engpass

Auf einem Forum der Industrie- und Handelskammern in Neubrandenburg sprach sich Kanzlerin Angela Merkel für moderne Kraftwerke in Deutschland aus.

Neubrandenburg (OZ) Angela Merkel begann gestern ihren Vortrag in Neubrandenburg mit einem sprachlichen Bild: „Energie ist so wichtig wie der Blutkreislauf für unseren Organismus“, meinte die Kanzlerin vor 600 Vertretern der 14 Industrie- und Handelskammern Norddeutschlands (IHK Nord) auf einem Forum zur Energiepolitik. Dann aber zeichnete sie ein eher düsteres Bild. Denn bis 2030 sollen 32 der 35 norddeutschen Kraftwerke vom Netz gehen – aus Altersgründen und wegen des Ausstiegs aus der Kernenergie. „Wir wollen eine stabile Energieversorgung, dazu gehört der Bau neuer Kraftwerke – und zwar nicht nur von Gaskraftwerken“, sagte die CDU-Politikerin. Deutschland könne nicht „aus allen Energieträgern aussteigen, die in der Öffentlichkeit nicht überall auf Akzeptanz stoßen.“ Merkel forderte aber auch mehr Anstrengungen zur Energie-Einsparung und effektiveren Nutzung der Energie, etwa durch Kraft-Wärme-Kopplung. Handwerk und Mittelstand dankte sie für deren Beitrag zur Wärmedämmung. 

Zuvor hatte der Präsident der IHK Nord, Manfred Ruprecht, beklagt, dass die Akzeptanz für den Bau neuer Energieanlagen nur gering sei – egal, ob es sich um Kraftwerke, Windräder oder neue Strommasten handelt. Von den bis 2030 in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein geplanten 20 neuen Kraftwerken seien drei bereits in der Planungsphase gescheitert. „Nur fünf haben derzeit gute Chancen zur Realisierung“, sagte Ruprecht. Die übrigen befänden sich in der Planungsphase – Ausgang ungewiss. „Norddeutschland droht ein Versorgungsengpass“, schlussfolgerte Ruprecht. In der anschließenden Podiumsdiskusssion bezog Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) Position zum Energiestandort Lubmin. „Ein schwieriger Standort“, sagte er. Würden die drei geplanten Meiler – zwei Gaskraftwerke und ein Steinkohlekraftwerk – gebaut, „dann hätten wir hier zwar den größten Kraftwerksstandort Norddeutschlands, aber ein Drittel unserer Seebäder hat vielleicht weniger Gäste“, meinte er. Das müsse geprüft werden – im laufenden Genehmigungsverfahren. Kritisch merkte er an, dass die Hälfte der erzeugten Energie als Wärme in den Bodden geleitet würde. Auch die Meinung von Prof. Joachim Weimann von der Universität Magdeburg, der die Ängste der Bevölkerung vor der Kernkraft als „überzogen“ darstellte, ließ Sellering nicht im Raum stehen: „Atomkraftwerke sind sehr sicher. Aber wenn es doch zur Havarie kommt“, erinnerte er an die Tschernobyl-Katastrophe, „dann hebt das die Gesellschaft aus den Angeln.“ Sein Unternehmen setze auf Energie-Einsparung und Innovation, sagte Wilfried Eisenberg, Chef der Rostocker Straßenbahn AG (RSAG), nach der Veranstaltung zur Rede der Kanzlerin. Der Nahverkehrsbetrieb will 22 alte Tatra-Züge – das ist jede dritte Rostocker Straßenbahn – bis 2012 auswechseln. Bis zu 30 Prozent Strom lasse sich pro Bahn einsparen. Eisenberg hofft übrigens, Angela Merkel bald in Rostock zu treffen. Er hat sie für Juni zu einem Kongress über öffentlichen Nahverkehr eingeladen. 

ELKE EHLERS