Angst vor der Flut: Usedom wehrt sich gegen Deichrückbau

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Ostsee-Zeitung l Mittwoch, 03. Dezember 2008 | Mecklenburg-Vorpommern Ostsee-Zeitung l 536 Wörter
Angst vor der Flut: Usedom wehrt sich gegen Deichrückbau

Im Zuge einer Ausgleichsmaßnahme wollen die Energiewerke Nord im Norden der Insel große Flächen fluten. Gegen diese Pläne regt sich breiter Widerstand.

Peenemünde (OZ) Der Weg zum Angelrevier führt über den Deich. Johannes Mros geht ihn kurz nach Sonnenaufgang. Aus dem Röhricht flattern Fasane auf. Es ist die Natur, die den Rentner aus Karlshagen immer wieder zum Cämmerer See südlich von Peenemünde lockt.

Jahrzehntelang war der Usedomer Inselnorden schwer zugänglich. In den Jahren der Heeresversuchsanstalt und der späteren militärischen Nutzung in der DDR hat sich in dem Areal ungestört ein Idyll erhalten. Der Cämmerer See, 18 Hektar groß, war früher eine Bucht im Peenestrom. Erst mit dem Bau des Deiches zwischen Peenemünde und Karlshagen Ende der 1930er-Jahre wurde aus der Bucht ein See. Seit der Wende kümmert sich der Angelverein Peenemünde um das Gewässer.

Mit dem Angelspaß könnte es bald vorbei sein. Denn die Energiewerke Nord GmbH (EWN) haben das nationale Naturerbe bei Peenemünde im Visier. „Wir planen einen Flächenpool als ökologische Kompensation für die Ansiedlung von Industrieunternehmen in Lubmin“, erklärt EWN-Projektleiterin Brigitte Lenz. An dem landesweit bald größten Industriestandort wollen 13 Firmen mindestens 2,5 Milliarden Euro investieren, das geplante Kohlekraftwerk nicht mitgerechnet. Der damit verbundene Verlust von Salzgraswiesen muss laut EU-Richtlinie durch die Renaturierung von Ersatzflächen ausgeglichen werden. Dafür wurde das Flachland im Norden Usedoms auserkoren, das sich zu 90 Prozent in Bundesbesitz befindet.

Inzwischen wurde das Stralsunder Umweltbüro UmweltPlan damit beauftragt, Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren zu erstellen. Wird das Projekt genehmigt, dann soll frühestens 2010 der vier Meter hohe Peenedeich zwischen Peenemünde und Karlshagen geschliffen werden. Die dahinter liegenden Flächen würden dann regelmäßig bei Hochwasser überflutet. Der Cämmerer See würde wieder zu einer Ausbuchtung des Peenestroms.

Doch die Renaturierung eines völlig intakten Naturschutzgebietes stößt bei den Usedomern auf Widerstand. Vergangene Woche lehnten 13 der 15 Gemeindevertreter von Karlshagen per Beschluss die Pläne ab.

Die „Bürgerinitiative gegen Deichrückbau im Norden Usedoms“ sammelte rund 5000 Unterschriften. Es gebe viele Argumente gegen dieses Vorhaben, sagt Sprecher Rainer Höll. So werde Wald vernichtet, der anderenorts aufgeforstet werden müsste. Unklar sei auch, was bei Überflutungen bislang gesperrter Gebiete mit den im Boden liegenden Munitionsresten geschehe. Vor allem aber sorgt die Vorstellung von Überflutungen bei größeren Hochwasserereignissen für Verunsicherung. Um Peenemünde zu schützen, soll ein Ringdeich angelegt werden. Sollte es dann zu einer Jahrhundertflut wie 1872 kommen, dann würde der Ort halligartig zu einer Insel. Widerstand kommt auch vom größten Arbeitgeber der Region, dem Historisch-Technischen Informationszentrum (HTI). Würde der ebenfalls unter Denkmalschutz stehende Deich verschwinden, dann wären auch die viaduktähnlichen Ruinen der ehemaligen Peenebunker nicht mehr erreichbar. Die Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Ostvorpommern lehnt den Deichrückbau ebenfalls strikt ab.

Noch befinde sich das Projekt in einer sehr frühen Phase, sagt der Staatssekretär im Umweltministerium, Karl Otto Kreer. Er plädiert dafür, Risiken und Chancen gegeneinander abzuwägen, und kündigt die Beteiligung der Öffentlichkeit an dem Planungsverfahren an. Unterdessen richtet sich die Bürgerinitiative auf einen jahrelangen Streit ein, juristische Konsequenzen nicht ausgeschlossen. Um dafür finanziell gewappnet zu sein, soll am Freitag in Karlshagen ein Verein gegen den Deichrückbau gegründet werden.