Protest im Peenetal gegen Flutungen

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Ostsee-Zeitung l  Freitag, 19. September 2008 | Insel Usedom links
Protest im Peenetal gegen Flutungen

Die Renaturierung im Anklamer Stadtbruch lockt zunehmend Touristen – doch sie sorgt auch für neuen Ärger bei den Anwohnern.

Anklam Der Blick von Geranda Olsthoorn schweift über das Wasser. Nur 200 Meter vom Beobachtungsturm bei Menzlin entfernt stelzt ein Silberreiher durch den Sumpf. Seit vor einigen Jahren die tiefliegenden Polder geflutet wurden, sei die Tiervielfalt viel größer geworden, erläutert die Reiseleiterin ihren Gästen. Bislang seien 206 Vogelarten gesichtet worden, darunter Seeadler, Große Rohrdommel und Kleines Sumpfhuhn. Auch Biber und Fischotter könne man mit etwas Glück beobachten. 
Der Fischotter wegen war die Biologin aus den Niederlanden vor einigen Jahren nach Ostvorpommern gezogen und hier geblieben. Später gründete sie eine Naturreiseagentur. Das Geschäft läuft gut. „Die Leute erleben hier Natur, wie es sie in Deutschland kaum noch gibt“, schwärmt die Wissenschaftlerin. Ganz allmählich schalte die Region am Peenetal um auf Tourismus. Gästewohnungen entstehen, Vermieter bieten Kanuwandertouren an, Spezialisten laden zu Angelfahrten und Ranger zu Moorsafaris. 
Doch der Aufschwung ist nicht bei der Mehrheit der Bevölkerung angekommen. In der Region mit einer Arbeitslosenquote von 21,9 Prozent und hoher Abwanderung wächst der Unmut über die Abkehr von der Landwirtschaft hin zur Renaturierung im Anklamer Stadtbruch. Das Moorschutzprogramm habe Leute und Ortsteile entzweit, sagt die Bürgermeisterin von Bugewitz, Ruth Schiller (parteilos). Arbeitsplätze seien vernichtet, die Menschen 13 Jahre lang von der Politik verkauft worden. 
Seit in der Sturmflutnacht zum 4. November 1995 das Wasser durch die maroden Schutzdeiche brach und Hunderte Hektar Polder überschwemmte, haben die zuständigen Behörden die Natur sich selbst überlassen. Ein seit 1935 unter Naturschutz stehender Wald aus Eichen, Eschen und Ahorn ist inzwischen abgestorben, die Anwohner sind entzürnt. „Wir haben hier nur noch Everglades-Verhältnisse“, sagt ein Mann aus dem benachbarten Kamp. Hier sei nicht nur systematisch Wald vernichtet worden, sondern auch wertvolle Habitate wie die Schmetterlingswiese, auf der einst Enzian-Bläuling, Trauermantel und Dukaten-Feuerfalter heimisch waren. 
Die Suche nach einer alternativen Moornutzung, etwa die Verwertung nachwachsender Rohstoffe, blieb bislang ohne Ergebnis. Inzwischen haben selbst Experten wie Uwe Lenschow, der im Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie für das Moorschutzprogramm verantwortlich ist, keine Lösung. „Wir wissen nicht, wohin die Reise geht“, erklärte er unlängst auf einer Einwohnerversammlung. „Wir müssen irgendwie einen Weg finden, um den Stadtbruch wieder erlebbar zu machen.“ Ein alter Plattenweg von Bugewitz nach Kamp wird inzwischen allmählich überflutet und ist sogar für Fußgänger gesperrt. Stattdessen wurde mit Millionenaufwand eine befestigte Straße auf einem Deich angelegt. Für zusätzlichen Unmut sorgt im Dorf das Gerücht, dass als Ausgleichsmaßnahme für ein in Lubmin geplantes Gaskraftwerk weitere Flächen, darunter der Polder Schanzenberg, geflutet werden sollen. Rund 82 Prozent der Einwohner haben sich dagegen ausgesprochen. 
Lenschow bestätigt derartige „Überlegungen“. Er stellt aber in Aussicht, auch eine Wiederaufforstung zu prüfen. Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Nutzung will jetzt ein Verein finden, den vor allem Neuansiedler in Bugewitz gegründet haben. 

RALPH SOMMER