OZ UNIVERSITÄTS- UND HANSESTADT GREIFSWALD Dienstag, 6. Oktober 2009, S11

„Ich bin stolz, für Dong Energy zu arbeiten“


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Von BENJAMIN FISCHER
„Ich weiß nicht, warum die Leute immer von einem Kühlturm reden. Bei uns gibt es keinen Kühlturm. Peter Gedbjerg Projektleiter Dong Energy  „Hier hattenwir noch niemalsÄrger“, sagt Peter Gedbjerg. Der Däne nimmt einen Schluck Kaffee aus seiner weißen Tasse. „Dong Energy“, steht in kleinen roten Lettern am oberen Rand. Er hat Kuchen gekauft. „Ich will kein unhöflicher Gastgeber sein.“
Und während Gedbjerg den Kirsch-Streusel unter dem raschligen Bäckerpapier hervorzaubert, betritt ein Mitte 50-jähriger Herrwie bestellt das Dong-Büro in der Lubminer Villenstraße. Er drückt dem Mitarbeiter Karsten Möller- Hansen einen Stapel Papiere in die Hand. Nach wenigen Sekunden ist der Mann wieder verschwunden. „Er hat mal bei uns in Dänemark gearbeitet – und jetzt helfe ich ihm bei der Steuererklärung“, sagt Möller-Hansen. Die Geschäftsstelle des dänischen Energiekonzerns wirkt wie eines der ausgestellten Arbeitszimmer in einem Ikea-Möbelhaus. Weiße Möbel, helle Sessel. An allen Wänden hängen Fotomontagen, die von verschiedenen Orten in Vorpommern den Blick auf das geplante Kohlekraftwerk vorwegnehmen. „Ich weiß nicht, warum die Leute immer von einem Kühlturm reden, der von weit her sichtbar wäre. Bei uns gibt es keinen Kühlturm. Gerade das ist unser Konzept.“ Gedbjerg schäumt ein bisschen, wenn er das sagt. Er scheint nicht recht zu wissen, ob ihn die Gegner des Kraftwerkes manchmal absichtlich falsch verstehen wollen. Ihn, den Bilderbuch- Dänen mit seinem sympathisch wirkenden Akzent. Dabei gibt er sich Mühe, sein Deutsch zu perfektionieren. Gedbjerg liest stapelweise deutsche Literatur. „Ich drücke mich so aus, wie ich denke, dass es richtig ist“, sagt er und gibt im gleichen Atemzug zu, dass es ihm schwer falle bei Podiumsdiskussionen oder anderen Terminen, im Deutschen so zu taktieren, wie es die Gegner des Kohlekraftwerkes gern tun. Einige von Ihnen kennt er inzwischen persönlich. „Es sind ja immer die Gleichen.“ Gedbjerg glaubt nicht, dass sie in der Region eine Mehrheit stellen. Seine Rechnung geht so: „Sehen Sie, wir haben einen Stapel mit etwa 500 Bewerbungen für das neue Kraftwerk. Zur Protestbewegung zählen wir im Kern 400 Personen.“ Dennoch tritt er ihnen mit Respekt entgegen und kennt die Diskussionen auch von seinen Freunden zu Hause, die ihm schon mal sagen: „Bist du verrückt – ihr baut ein Kraftwerk in dem jedes Jahr 3,6 Millionen Tonnen Kohle verfeuert werden.“ Mit seinen vier erwachsenen Kindern gäbe es aber keine solchen Debatten. „Die haben wir frühzeitig auf Linie gebracht“, sagt der Vater nicht ohne Ironie. Die Sicht, die ein Mann hat, der von sich sagt, er sei stolz für Dong Energy zu arbeiten, versteht niemand, der nur auf die Planungsunterlagen für das Kohlekraftwerk starrt. Beispiel Esbjerg an der dänischen Nordseeküste: Dort betreibt Dong ein Kohlekraftwerk. Im „Sydhavn“, wo die Kohle auf Lager liegt, wurde bis vor wenigen Tagen auch die „Sea Power“ beladen, ein Montageschiff für Offshore- Windräder. Das Schiff schleppte die Teile während der Bauzeit gut 50 Kilometer hinaus auf die Horns-Rev-Sandbank. 91 Windräder bilden an dieser Stelle in der Nordsee zur Zeit den weltgrößten Offshore-Park. Gesamtleistung: 209 Megawatt. Im September wurde die Anlage eingeweiht. Der Auftraggeber und Betreiber heißt Dong. Peter Gedbjerg kam Anfang Dezember 2006 zum ersten Mal nach Vorpommern. Er liebt die Weite des Landstrichs. „Kein Haus stört den Blick über die Felder. Das ist in Dänemark anders.“ Damals landete er an einem ungemütlichen Wintertag zusammen mit einer Delegation in Heringsdorf. „Ich habe am Flugplatz gefragt, das wievielte Flugzeug wir in dieser Woche sind.“ Daraufhin habe man ihm geantwortet: „Sie sind der Flieger der Woche.“ Ein neues Kraftwerk könne die Region nur voranbringen, dachte sich Gedbjerg. Seitdem tritt er seine Anreise aus Aarhus, wo der Ingenieur mit seiner Frau lebt, vorzugsweise mit dem Auto an. In gut fünf Stunden schafft er die Strecke. Fährt so jedes Jahr 100 000 Kilometer. Die Dienstwagen halten das drei Jahre lang durch. „Anders geht es nicht. Mit der Bahn wäre ich einen ganzen Tag lang unterwegs und einen größeren Flughafen gibt es nicht.“ Es ist seine Technikbegeisterung, die ihn Ingenieur werden ließ. „Als ich zwölf Jahre alt war, haben wir mit der Klasse ein Kraftwerk besucht und seitdem wusste ich, was ich will.“ Anschließend studierte Gedbjerg Maschinenbau, heuerte zunächst bei BW-Energy an, woer Dampfkessel entwickelte und wechselte nach kurzer Zeit zu Dong. 28 Jahre ist das jetzt her. In den 80er-Jahren war er zunächst in den Technologie-Transfer nach China involviert und später Chef des Kohlekraftwerks in Studstrup. „Für mich das schönste Kraftwerk, das wir haben.“ Fast seinen Job gekostet hätten ihn die Bestechungsvorwürfe Anfang 2008. Lubmins früherer Bürgermeister Klaus Kühnemann hatte damals das Verfahren mit ins Rollen gebracht. Angeblich hätte ihn ein Dong-Mitarbeiter auf die leeren Gemeindekassen aufmerksam gemacht. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen jedoch ein, und Kühnemann wurde derweil abgewählt. Gedbjerg: „Wenn das stimmen würde, ich wäre sofort gefeuert worden.“ Ihn ärgert es, dass bei dem Energiekonzern jeder Fakt zehnmal hinterfragt und im Zweifel als unwahr abgetan werde, die Kraftwerksgegner mit ihren Argumenten aber immer durchkämen. Es sei großer Quatsch, dass das Kraftwerk, so wie es in Lubmin geplant ist, in Dänemark nicht genehmigungsfähig sei. „Haben die noch nicht gemerkt, dass wir auch zur EU gehören?“

Fotountertitel
Peter Gedbjerg liebt die Weite der Landschaft in Vorpommern und Strandspaziergänge an der Ostsee. Foto: Alexander Loew