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Sozialistische Tageszeitung • Mittwoch, 9. April 2008 Neues Deutschland
Wirtschaft/Soziales   

Kohlestreit Ost ist im Westen angekommen
Werbung für Lubminer Strom in Lübeck
Von Dieter Hanisch, Lübeck
Der dänische Energiekonzern Dong warb mit einer Informationsveranstaltung am Montagabend in
Lübeck für sein geplantes Kohlekraftwerksprojekt in Lubmin. Denn die Stadtwerke Lübeck, an
denen Dong mit 25,1 Prozent beteiligt ist, wollen eventuell Strom aus Lubmin beziehen.
Für Lubmins Bürgermeister Klaus Kühnemann war es die erste Veranstaltung dieser Art, auf der er
in der Fremde appellierte, allen Einfluss geltend zu machen, keinen Kohle-Strom aus seiner
Heimatstadt zu beziehen. Doch da sind nicht nur die Lübecker seine Adressaten. Auch die
Stadtwerke im westfälischen Lünen sind mit 4,78 Prozent am Betreiberkonsortium des geplanten
Kohlekraftwerkes beteiligt.             siehe auch  Leserbrief von Eberhard Meißner am Ende des Artikels

Die Verantwortlichen in Lübeck argumentieren, dass sie für eine optimale Preisgestaltung und für
die Versorgungssicherheit rund 50 Megawatt Eigenproduktion als Grundlast sicherstellen müssen,
vor Ort aber kein Standort für einen Kraftwerksneubau existiere. Deshalb investiere man rund 100
Millionen Euro in Lünen und Lubmin, beteilige sich aber auch an Windparks, kleinen
Blockheizkraftwerke und Photovoltaikanlagen.
Detlef Matthiessen, Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen in Kiel, verwies die
skizzierte Stromlücke ab 2015 ins Reich der Märchen. Er plädierte dafür, die angesprochenen
Summen lieber vor Ort in erneuerbare Energien zu investieren und damit zugleich den regionalen
Arbeitsmarkt zu beleben.
Dong-Vizepräsident Peter Ged-bjerg argumentierte, dass das moderne 1600 MW-Kohlekraftwerk in
Lubmin die Stilllegung ineffizienter Altanlagen erlaube und so die Klimabilanz in Deutschland
verbessere. Überdies benötige das industriegeprägte Deutschland billigen Grundlaststrom. Sein
Landsmann Frede Hvelplund von der Entwicklungs- und Planungsabteilung der Universität Ålborg
kritisierte dagegen, dass der im Windenergiesektor sehr aktive Konzern Dong doch besseres bieten
könne, als der Öffentlichkeit ein Mega-Kohlekraftwerksbau als innovativ zu verkaufen. »Seit 1997
wurde in Dänemark kein großes Kohlekraftwerk mehr gebaut«, sagte er. Sein Land stehe vielmehr
für eine Energiepolitik mit einem hohen Anteil an Passivhäusern und dezentraler Versorgung über
Blockheizkraftwerke und viele kleine Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Er unterstellte Gedbjerg,
dass Dong sich nur deshalb in Deutschland engagiere, um von den höheren Stromtarifen zu
profitieren.
Unterdessen wurde bekannt, dass die ursprünglich im Mai angesetzten Anhörungstermine für die
von Dong angestrebten baurechtlichen Genehmigungen vom zuständigen Amt für Umwelt- und
Naturschutz in Stralsund auf Ende Juli verschoben wurden.
Das Kohlekraftwerk, welches DONG Energy in Lubmin bauen will, entspricht nicht dem Stand der
Technik von heute, geschweige denn von morgen. Gedbjerg hat selbst auf einem Forum der
Ostseezeitung zugegeben, dass auch Technik aus dem 19. Jahrhundert verwendet werde, sonst
könne das Kraftwerk nicht rentabel sein. Wenn Peter Gedbjerg billigen Grundlaststrom verspricht,
dann meint er natürlich, dass dieser billig in der Herstellung ist. Der Preis wird nicht billiger sein als
an der Börse in Leipzig. Maximalprofit wird angestrebt und der Stromkunde in Salzburg,
Amsterdam, Lübeck oder Jütland zahlt. Wettbewerb zwischen den wenigen Energiekonzernen in
Deutschland findet praktisch nicht statt.


Dazu ein Leserbrief von Eberhard Meißner
In Ostvorpommern werden 140 Arbeitsplätze versprochen. Sollte tatsächlich ein „veraltetes“
Kohlekraftwerk abgeschaltet werden, (in Deutschland besitzt DONG keins) gehen nach
Schätzungen von Fachleuten 600 Arbeitsplätze verloren im Kraftwerksbetrieb und in der
Kohleförderung. Diese verlagert DONG auf die Südhalbkugel, wo die Steinkohle her kommen soll.
Die Landesregierung in Schwerin und Frau Merkel unterstützen das Projekt auf Biegen und
Brechen. Auf einem Transparent, das auf einer Demo mitgeführt worden war, wurde DONG
gratuliert, „die dümmsten Regierungen Europas gefunden“ zu haben. Denn kein anderes Land in
Europa bewirbt sich um dieses Kraftwerk.


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